In einer Wehrmachtsausstellung. Erfahrungen mit Geschichtsvermittlung

Renate Höllwart, Charlotte Martinz-Turek, Nora Sternfeld,...


Die Wehrmachtsausstellung wird endgültig eingemottet. Ein Buch widmet sich nun den Erfahrungen mit der Wiener Schau.

Die Stellwände werden abgeschraubt, die Materialien und Fotos gehen ihren letzten Weg ins Bundesarchiv. Die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskriegs 1941-44" war zuletzt in Hamburg zu sehen. Nun ist die Tour durch 33 deutsche und österreichische Städte endgültig zu Ende. Ingesamt 800.000 Besucher sahen die Schau, die von wilden Demonstrationen und heftigen Kontroversen begleitet wurde.

Gut zehn Jahre nach der ersten Wehrmachtsausstellung (diese war aufgrund von Ungenauigkeiten ins Gerede gekommen und überarbeitet worden) erweist sich das Unternehmen retrospektiv als wichtiges Glied in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus: nicht viel weniger bedeutend als der Auschwitz-Prozess in den Sechzigerjahren oder hierzulande die Waldheim-Debatte der Achtzigerjahre räumte sie mit dem Mythos der "sauberen Wehrmacht" auf.

Man kann die Geschichte der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland und Österreich (trotz Unterschieden im Detail) auch als Bewegung von oben nach unten lesen: Wurde zuerst alle Schuld auf Hitler, Himmler und Konsorten geschoben, geriet später der Mittelbau des Regimes - "banale" Bürokraten des Todes wie Adolf Eichmann und seine KZ-Männer - in den Blick, zuletzt schließlich die Grausamkeit der "gewöhnlichen Leute", von Menschen "wie du und ich". Damit wurde das Verstörende, Unbegreifbare noch irritierender, belastender. Mag sich der Wahnsinn von ein paar Mächtigen noch rationalisieren lassen, der endemische Wahnsinn einer ganzen Gesellschaft entzieht sich im Letzten dem Verstehbaren.

Ein Thema, dem sich auch ein neues Buch widmet, das zum Ausstellungsende erschienen ist. "In einer Wehrmachtsausstellung" heißt der Band, in dem Erfahrungen mit der Wiener Ausstellung - die Schau machte 2002 in der Akademie der bildenden Künste Station - ausgewertet werden. Allein in Wien sahen 4000 Schüler die Ausstellung, die meisten davon im strengen Sinne unfreiwillig, also auf Grund einer Initiative des Lehrpersonals.

Wie konfrontiert man mit dem Schrecken, ohne Schuldgefühle einzufordern - was schnell zu Blockaden und Trotzhaltungen führt? Das Team berichtet nicht nur über die Erfahrung mit dieser pädagogischen Herausforderung, in dem Band finden sich auch Ergebnisse einer umfassenden Studie. Über 1000 Schüler haben einen Fragebogen ausgefüllt, mehrere Dutzend intensive Gespräche mit den Sozialwissenschaftern geführt. Die Fragen und die Meinungen der Jugendlichen changieren zwischen polternder Nazi-Apologie und strammem linken Antifaschismus und zeigen dazwischen Hilflosigkeit: "Mich würde interessieren, wie ein Tagesablauf in der Nazizeit für einen Juden auf der Flucht war", fragt einer, ein anderer: "Wie waren die Juden wirklich? (Stellung, Art, Wirtschaft, Machteinflüsse)".

Interessant sind die Reaktionen von Kindern aus Migrantenfamilien, vor allem auch im Vergleich mit Deutschland. Der aus der BRD bekannte Satz türkischer Jugendlicher, wonach "Hitler euer Problem, nicht unseres" sei, fällt in österreichischen Klassen offenbar seltener - möglicherweise Resultat des Umstandes, dass das Gros der Zuwanderer hierzulande aus den ex-jugoslawischen Staaten kommt. Wer von dort stammt, für den hat die Geschichte des Nationalsozialismus, wie unterschiedlich die Haltungen auch sein mögen, zumindest nichts Exotisches.

Robert Misik in FALTER 15/2004



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