Aus der Tiefsee. Paris 1926

Ludwig Hohl, Ulrich Stadler


Ludwig Hohl war einer der großen verkannten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Dieser Tage wäre der Schweizer, dessen Armut und Einsamkeit legendär waren, hundert Jahre alt geworden.

Es ist schon fast verdächtig, mit welcher Ehrfurcht seine berühmt gewordenen Schriftstellerkollegen aus der Schweiz von ihm und seinem schmalen Œuvre sprachen. Max Frisch zum Beispiel hat "am Rang dieses eigentümlichen Werks nie gezweifelt". Adolf Muschg meinte: "Dieses Werk hält das Gefühl dafür wach, was Dichtung sein kann: Wahrheit im Einzelnen, Hoffnung im Ganzen." Friedrich Dürrenmatt wiederum befand: "Hohl ist notwendig, wir sind zufällig. Wir dokumentieren das Menschliche, Hohl legt es fest", und weiter: "Ich kenne viele Schriftsteller. Ludwig Hohl ist der einzige, dem gegenüber ich ein schlechtes Gewissen habe."

Das schlechte Gewissen rührte wohl nicht nur vom ebenso schmalen wie beeindruckenden Werk Hohls her, sondern auch von den Umständen, unter denen es entstand: Wie kaum ein anderer Autor des 20. Jahrhunderts verkörperte Hohl das Schicksal des mittellosen Dichters, der für sein Werk kaum nachvollziehbare Entbehrungen in Kauf nahm. Nachgerade legendär war die Kellerwohnung in Genf, in der Hohl zwischen 1954 und 1975 wohnte und arbeitete: eine Art Dichterhöhle ohne Fließwasser, in der er bei Kerzenschein schrieb. Über und neben ihm waren Wäscheleinen gespannt, auf denen Hohl Tausende von Zetteln mit eigenen Gedanken aufgehängt hatte: "Leistungen sind immer aus der Heimatlosigkeit entstanden."

Der am 9. April 1904 geborene Hohl war ein Heimatloser par excellence. Der Sohn eines reformierten Pfarrers und einer Industriellentochter flog noch vor der Matura wegen aufrührerischer Gesinnung von der Schule. Nachdem er auch mit dem vermögenden Elternhaus gebrochen hatte - und zwar vorsorglich für immer -, ging er kaum zwanzigjährig nach Paris, um Schriftsteller zu werden. Wie mit allem in seinem Leben war es ihm auch damit ernst: Er blieb mehr als sieben Jahre in Frankreich und erarbeitete sich im Selbststudium die Werke von Goethe, Kleist, Spinoza, Lichtenberg, Montaigne, Proust und einigen anderen seiner immer wieder zitierten Hausgötter.

Neben der Literatur war die Bergsteigerei - Hohl unternahm etliche spektakuläre Alleingänge - die zweite große Leidenschaft des jungen Autors, der über beide Passionen akribisch Tagebuch führte. Dazu arbeitete er ab 1926 an seinen "Epischen Grundschriften", einer Art Mischung aus Autobiografie und Erzählung, aus denen nun anlässlich des hundertsten Geburtstags erstmals ein Band veröffentlicht wurde. "Aus der Tiefsee. Paris 1926" gibt unvermittelte Einblicke in seine Pariser Boheme-Existenz, in das Leben eines rigorosen Moralisten, dem die Aufrichtigkeit über alles ging ("Die kleinste Unwahrheit ist vielleicht so schlimm wie ein Totschlag!"). Aus der geplanten Umarbeitung des eher nur für "Hohlisten" interessanten Tagebuchs in einen Roman wurde nichts.

Anfang der Dreißigerjahre lebte Hohl dann auch für ein paar Monate in Wien, wo er nicht nur die erste seiner insgesamt fünf Ehefrauen kennen lernte, sondern auch Karl Kraus, dem er - im Unterschied zu seinen Frauen - zeit seines Lebens treu blieb. Über die Stadt selbst hat der Polemiker Hohl keine allzu freundlichen Worte gefunden: "Wien ist schrecklich wie kein anderer Ort, schmählich. Wien ist ein Irrenhaus", heißt es in den unveröffentlichten "Epischen Grundschriften".

Sein eigentliches Opus magnum verfasste der Dichter dann in extremer Armut - manchmal fehlte sogar das Geld für das Papier - und völliger geistiger Isolation bis 1937 in den Niederlanden: "Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung" - ein insgesamt fast tausendseitiges Werk, bestehend aus ernsten Aphorismen und satirischen Aperçus ("Die Schweizer sind stolz darauf, so schöne Berge geschaffen zu haben."), dazu einigen Kurzessays, Kurzerzählungen und autobiografischen Texten. Diese argumentativ zusammenhängenden Fragmente weisen Hohl als existenzialistischen Denker ebenso aus wie als blendenden Stilisten, als vernunftgläubigen Misanthropen ebenso wie als großen Moralisten.

Mit vierzig hatte Hohl nahezu alle seine wichtigen Arbeiten geschrieben - allerdings lagen nur wenige davon auch in Buchform vor. Die "Notizen" wurden für ihren Autor dann zum tragischen Schicksal: Der erste, 1944 bei Artemis publizierte Teil fand nur wenige Leser, weshalb sich der Verlag weigerte, den zweiten Band zu drucken. Nach einem Musterprozess konnte Hohl zwar dessen Veröffentlichung juristisch durchsetzen; allerdings geschah dies erst zehn Jahre später und in einer Auflage von 300 Stück - ein Schlag, von dem sich Hohl nie mehr ganz erholen sollte.

Zurückgezogen in seine menschenunwürdige Kellerwohnung war er fortan vor allem damit beschäftigt, seine Texte zu überarbeiten und den eigenen Nachlass zu ordnen. Dazu lebte er das Leben eines zur Legende entrückten poète maudit, dessen Gesellschaft zu fürchten war. Wie sich Adolf Muschg in der aktuellen Nummer von Text+Kritik erinnert, hieß es damals über ihn: "Sei er nüchtern, so bringe er jedes Gespräch zum Erliegen; habe er getrunken, so gebe es keine Rettung vor dem Eigensinn seiner Monologe." Sein bevorzugter Whiskey war übrigens ein Destillat namens "Teacher's".

Vor allem unter Schriftstellerkollegen fand Hohls Werk dennoch immer wieder begeisterte Leser. Neben seinen Schweizer Kollegen zählten dazu auch Peter Handke und Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld, der Hohl 1971 unter Vertrag nahm, was den Beginn von dessen später literarischen Anerkennung markierte. 1975 erschien der grandiose Kurzroman "Bergfahrt", ein wie aus Granit gemeißelter Text über ein tragisches Bergabenteuer, zugleich eine Parabel über das eigene Schreiben und das Leben überhaupt. Hohl hatte fünfzig Jahre zuvor damit begonnen und das gerade einmal hundertseitige Buch mehr als ein halbes Dutzend Mal überarbeitet.

Die Neuauflage der "Notizen" in einer einbändigen Gesamtausgabe verpasste der Dichterphilosoph, der im November 1980 starb, indes um ein paar Monate. Sein Lebensmotto hatte er jedoch längst eingelöst: "Mein Name ist Hohl, meine Aufgabe, ihn zu füllen."Neben der Literatur war die Bergsteigerei - Hohl unternahm etliche spektakuläre Alleingänge - die zweite große Leidenschaft des jungen Autors, der über beide Passionen akribisch Tagebuch führte. Dazu arbeitete er ab 1926 an seinen "Epischen Grundschriften", einer Art Mischung aus Autobiografie und Erzählung, aus denen nun anlässlich des hundertsten Geburtstags erstmals ein Band veröffentlicht wurde. "Aus der Tiefsee. Paris 1926" gibt unvermittelte Einblicke in seine Pariser Boheme-Existenz, in das Leben eines rigorosen Moralisten, dem die Aufrichtigkeit über alles ging ("Die kleinste Unwahrheit ist vielleicht so schlimm wie ein Totschlag!"). Aus der geplanten Umarbeitung des eher nur für "Hohlisten" interessanten Tagebuchs in einen Roman wurde nichts.

Klaus Taschwer in FALTER 15/2004



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