Die ersten Israelis. Die Anfänge des jüdischen Staates

Tom Segev, Helmut Dierlamm, Hans Freundl


Protokoll einer Geburt

Wer Israel verstehen will, muss Tom Segev lesen. Ausgangspunkt seines sechsten Buches "Die ersten Israelis" (im Original "1949") ist der sogenannte Unabhängigkeitskrieg, der auf die Ausrufung des Staates Israel am 14. Mai 1948 folgte. Während die USA den Judenstaat anerkannten, erklärten Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien, Libanon, Irak und Syrien den Krieg. Segev begann mit der Erforschung der entscheidenden Gründungsphase Israels 1979 – nach Ablauf der 30-jährigen Sperrfrist für die Dokumente –, das Ergebnis trug ihm ob seiner Darstellung der Rolle des Staatsgründers David Ben Gurion nicht nur Kritik ein, sondern auch den Ruf des "neuen Historikers". Den im Zuge der Kämpfe vertriebenen Arabern widerfuhr erstmals Recht.
Wie in allen Büchern verbindet Segev profunde Kenntnis der Materie und klare Sicht der Gesamtlage mit großem journalistischem und schriftstellerischem Geschick. Die auf Rhodos unter amerikanischer Federführung stattfindenden schwierigen Verhandlungen zwischen Israelis und Arabern über den Waffenstillstand im Juli 1949 sind auf israelischer Seite von Ben Gurions Überzeugung geleitet: "Vor der Gründung des Staates (...) war unser wichtigstes Interesse die Selbstverteidigung – aber jetzt geht es um Eroberung." Auf israelischer Seite sind 6000 Soldaten gefallen, zugleich wurden hunderttausende Araber aus Palästina vertrieben. Ben Gurion erklärt deren Vertreibung für eine "wünschenswerte Entwicklung". Während im Ministerrat diskutiert wird, ob die restlichen Araber "eine Gefahr" für den jungen Staat darstellen, wissen alle Entscheidungsträger, dass die Frage betreffend deren Integration einen Test für die "zionistische Idee und jüdische Moralität" darstellt. Die Plünderung arabischen Besitzes durch israelische Soldaten kommt zur Sprache, Untersuchungskommissionen werden eingesetzt, schließlich fällt die folgenreiche Entscheidung, die zahlreichen Einwanderer aus Europa in arabischen Häusern und Wohnungen unterzubringen.
In den ersten sechs Monaten der Unabhängigkeit hat sich Israels Bevölkerung verdoppelt. In Verhandlungen mit den mittlerweile kommunistisch gewordenen Staaten Osteuropas über die Ausreise der dort lebenden Juden werden bizarre Kopfgeldquoten ausgehandelt: Ungarn verlangt zwei Millionen Dollar für die Ausreise von 25.000 Juden, Rumänien noch mehr – 100 Dollar pro Person; andere sind wiederum vom Traum von der Rückkehr in die Heimat ausgeschlossen: "Kommunisten, Rechtsradikale, unbeschnittene Kinder, Paare in gemischten Ehen, Journalisten". Der Finanzminister pragmatisch: "Wir brauchen Arbeiter und Kämpfer."
Tom Segevs Darstellung des Gründungsjahres Israels lässt keine Ungeheuerlichkeit aus, kennt aber auch die Gegenstimme. Mit der Operation "Fliegender Teppich", der Evakuierung von 40.000 jemenitischen Juden brechen erstmals schwere Konflikte über Traditionalismus, Religion und säkulares Selbstverständnis des jungen Staates aus. Das Buch endet mit der Feier des ersten Jahrestages der Unabhängigkeit: die geplante Parade vor 300.000 Zuschauern löst sich in grandiosem "jüdischem Chaos" auf, und einzig die angetretene Armee hat die Disziplin und Form gewahrt.

Erich Klein in FALTER 20/2008



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