Wenn ich dich vergesse, Jerusalem

Werner Sonne


Judiths Leidensweg ist nach der Befreiung aus dem KZ Dachau nicht zu Ende. Auf der Suche nach ihrem letzten lebenden Verwandten lässt sie sich im Februar 1947 illegal nach Palästina einschleusen, wo eine Tragödie gerade ihren Anfang nimmt: Die palästinensische Krankenschwes­ter Hana ist seit Jugendtagen einem radikalen Nachbarsburschen versprochen, hat sich allerdings in den jüdischen Arzt David verliebt, der sich kurz zuvor seiner vorgezeichneten Zukunft in New York entzogen hat. In Josef wiederum, der in den 30er-Jahren aus Nazideutschland geflohen ist, erwacht erst als britischer Offizier in Palästina die Loyalität gegenüber der "israelischen Sache" – über Nacht wird er zum Spion und Verräter.
Die Handlung, in der die Lebenswege der Protagonisten miteinander verwoben werden, um von den Wirren rund um die israelische Staatsgründung zu erzählen, spielt zwischen Februar 1947 und Juni 1948. Der langjährige ARD-Journalist Werner Sonne ist vor Klischees keineswegs gefeit, aber selbst wenn die Einzelschicksale vorhersehbar sind und die stereotypen Figuren blass bleiben: Als fiktiver Tatsachenroman funktioniert das Buch dennoch. Es wirft ein Licht auf die menschliche Dimension hinter der israelischen Staatsgründung – zu beiden Seiten der Front. In einem Bürgerkrieg, der nicht nur historisch und religiös, sondern durch die politischen Interessen der halben Welt zusätzlich aufgeladen ist, führt Sonne seine Protagonisten in die Grenzbereiche ihrer Existenz.

Stefan Apfl in FALTER 20/2008



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