Ein schönes Attentat

Assaf Gavron, Barbara Linner


Lebst du noch?

Das Beste an Bombenanschlägen in der Nachbarschaft ist, dass alte Freunde mal wieder anrufen und fragen: Lebst du noch? Andererseits zahlt die Versicherung nichts, wenn das bei der Explosion zerstörte Auto im Halteverbot gestanden hat. Israelis haben sich auf die Präsenz des Terrors eingerichtet. Sie wissen um die Alltäglichkeit von Verzweiflung und Hass und antworten auf die Allgegenwart der Bedrohung mit Zynismus und Desinteresse. "Weitermachen!" lautet die goldene Regel im Roman des israelischen Autors Assaf Gavron mit dem sprechenden Titel "Ein schönes Attentat". Wenn Palästinenser sich in Bussen und in Cafés in die Luft sprengen, darf man eben gerade nicht damit aufhören, mit dem Bus zu fahren und ins Café zu gehen.
Gavron beschreibt den Terror aus der Nahdistanz und zeigt die Absurditäten einer Gesellschaft, die seit Jahren im Zustand einer kollektiven Psychose lebt. Er erzählt von einem yuppiehaften Softwareproduzenten, der in einer Woche gleich drei Anschläge überlebt, dadurch zum Nationalhelden aufsteigt und in Fernsehtalkshows Auskunft geben soll. Sein Trauma bearbeitet er in einer Traumagruppe, und obwohl mit ihm ansonsten nicht mehr viel anzufangen ist, kann sein Chef ihm nicht kündigen: Nationalhelden sind unentlassbar. Ihm gegen­über steht – oder vielmehr: liegt – ein Palästinenser im Koma. Dessen autis­tische Sprachlosigkeit ist durchaus symbolisch zu lesen. Er wurde schwer verletzt beim Versuch, eine Handgranate zu zünden. In seinem Kopf läuft noch einmal die Geschichte ab, die ihn fast wider seinen Willen dazu brachte, ein Attentat auf den Überlebenshelden zu verüben.
Gavron erzählt in wechselnder Perspektive aus der Sicht des Israelis und des Palästinensers. Dadurch kann er die Vorurteile wunderbar ins Leere laufen lassen. Und er zeigt, was einen jungen Menschen dazu bringt, sein Leben für einen Moment der Rache und der Gewalt wegzuwerfen. Seine Helden sind schicksalhaft miteinander verbunden und könnten fast Freunde sein. Doch Gavron wird weder sentimental noch kitschig. Er schreibt temporeich und ohne Rücksicht auf den guten Geschmack. "Das schöne Attentat" ist witzig und böse und bietet tiefe Einblicke in die israelische Gesellschaft von heute.

Jörg Magenau in FALTER 20/2008



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