Paloma

Friederike Mayröcker


Euphorie und Exaltation waren immer Markenzeichen von Friederike Mayröckers dichterischer Welt. In "Paloma", 99 im Lauf des Jahres 2006/07 an einen anonymen "lieben Freund" geschriebenen Briefen, ist das Ganze fast zur Unerträglichkeit gesteigert – und zwar aus guten Gründen: "Die Dinge so sehen wollen, wie sie ohne mich aussehen würden, also wenn ich tot bin."
Neben dem täglichen Pensum an Traumprotokollen, dem selbstvergewissernden Blick aus dem Fenster und obligatorischer Lektüre findet da ein reales wie imaginäres Dauergespräch mit zahlreichen Schriftstellerfreunden statt. In dessen Zentrum steht er, der verstorbene Lebensgefährte Ernst Jandl, stehen gemeinsame Reisen nach Florenz, Berlin oder auf den Kobenzl. Kleine Rührseligkeiten wie die Rede vom "sympathischen Fernsehsprecher" amüsieren, bestechend ist Mayröckers Lakonie in Bezug auf Alter, Krankheit und Gedächtnisverlust. Sie erschrickt darüber, dass sie seine, Jandls Telefonnummer, vergessen hat, oder fragt sich: "Wann vor wie vielen Jahren habe ich begonnen damit, mich am Stiegengeländer festzuhalten?"
Wirklich große Literatur sind die Splitter der Kindheitserinnerungen: "was ich nicht möchte: dieses Batzen Holunderblut oder -blüte herausgebacken für die Mahlzeit, von Mutter." "Paloma" ist keine Suche nach der verlorenen Zeit, sondern ein Gedicht an die Zukunft: "Ich bin glücklich und es regnet in mein Herz."

Erich Klein in FALTER 19/2008



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