Verliebt in Sankt Petersburg. Meine russische Reise

Lena Gorelik


Das eigene Emigrantendasein als Grundlage für Geschichten heranzuziehen, in denen das Aufeinanderprallen der Kulturen humorvoll bis humorig verarbeitet wird, ist eine derzeit recht beliebte und offenbar lukrative Strategie: Vladimir Kaminer beherrscht das ausgezeichnet, Marina Lewycka hat ihre ukrainische Herkunft ebenfalls in Bestsellern thematisiert, und die seit 15 Jahren in Deutschland lebende Lena Gorelik wurde schon für ihr Romandebüt "Meine weißen Nächte" hochgelobt. "Meine russische Reise" lautet der Untertitel ihres jüngsten Buches, in dem die Ich-Erzählerin ihre Familie in St. Petersburg besucht und bei dieser schon dadurch für Verwirrung sorgt, dass sie von Jost begleitet wird, der zwar "ein", aber nicht "ihr" Freund ist.
Wer schon einmal in Petersburg war, wird bejahend nicken – genau so ist es: Die Rolltreppen sind sehr lang; die Verkäuferinnen völlig verbiestert (offenbar auch gegenüber Einheimischen, immerhin); die ganze Stadt scheint damit beschäftigt, in geschmacklosen Stretchlimos zu heiraten. Ganz generell ist der Russe, wie er uns hier entgegentritt, genau so, wie wir ihn uns schon immer vorgestellt haben: trink- und sangesfreudig, melancholisch, abergläubisch und nicht unbedingt der ausgefuchsteste Koch der Welt: "Salz ist ein gutes Gewürz, finden die Russen." Das alles wird im paradoxen Parlando sarkastischer Sentimentalität dargeboten – ebenso unterhaltsam wie harmlos.

Klaus Nüchtern in FALTER 18/2008



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