Fast keine Erinnerung. Stories

Lydia Davis


Dass die bei uns noch kaum bekannte Lydia Davis in den USA von Jonathan Franzen und Jeffrey Eugenides bewundert wird, könnte einen auf eine falsche Fährte locken: Ihre Kurzgeschichten haben nichts gemein mit den redseligen Familienepen, die bei uns als "amerikanisch" gelten, und wenig auch mit der klassischen Short Story. Es sind raffinierte, komische und merkwürdige, ja vertrackte Gebilde, in denen teils wenig Spektakuläres, teils Bizarres erzählt und das Denken genauer unter die Lupe genommen wird, als es ihm guttut. Da träumt eine Professorin für Englisch davon, einen Cowboy zu heiraten: "Vielleicht würde mich ein Cowboy davon abbringen können, so viel zu denken." Da plagt sich eine ihr Geistesverwandte damit, in der U-Bahn Foucault zu lesen. Da werden "Die Urgroßmütter" im Wintergarten vergessen und wachsen dort fest, verholzen rettungslos. Da hüten zwei ein Haus in Südfrank­reich und verlieren einen der ihnen anvertrauten Hunde. Da findet sich eine Frau mit ihrer Leidenschaft für die "Mary Tyler Moore"-TV-Show ab, als sie erfährt, dass Glenn Gould ihre Schwäche einst teilte.
Der Schriftsteller Klaus Hoffer hat diese wortkargen, dichten, bisweilen kunstvoll auf der Stelle tretenden Texte übersetzt. Zum Glück. Sie verblüffen den Leser immer wieder aufs Neue: "In unserer Stadt lebt ein Mann, der ist zugleich Hund und Herr." Als wäre Kafka nicht Indianer, sondern Cowboy geworden.

Daniela Strigl in FALTER 18/2008



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