Kein Land für alte Männer. Roman. Verfilmt als 'No Country for Old Men'

Cormac McCarthy, Nikolaus Stingl


Das Ende ist nah. Das Ende ist da.

Solange Bells ermüdend langatmige Monologe am Boden des Schneideraums enden, kann man sich ,Kein Land für alte Männer' gut auf der großen Leinwand vorstellen", urteilte der Rezensent der New York Times, als der Roman vor drei Jahren im Original erschien. Genau so ist es bekanntlich auch gekommen: Die Gebrüder Coen haben sich bei ihrer kongenialen, oscarprämierten Adaption zwar notgedrungen an diesen Ratschlag gehalten, ansonsten aber hohe Werktreue walten lassen.
Sieht man von den zum Ende hin immer breiter werdenden Monologen von Sheriff Bell ab (im Film dargestellt von Tommy Lee Jones), erinnert der im Jahr 1980 angesiedelte Roman mitunter tatsächlich an ein Drehbuch. Das liegt zum einen an den zahlreichen Dialogen, die McCarthy meisterhaft beherrscht: Zwischen rhetorischem Leerlauf und bedrohlichem Andeutungsreichtum, saloppem Sarkasmus und metaphysischer Aufgeladenheit entwickeln sie eine lakonische Geschwätzigkeit von hoher Suggestivität. Zum anderen verzichtet McCarthy auf jeglichen psychologisierenden Kommentar, legt dafür umso größeres Augenmerk auf die Beschreibung alltäglicher Verrichtungen und Handgriffe: "Der Mann schloss eine Schreibtischschublade auf, entnahm ihr eine Stahlkassette, schloss diese ebenfalls auf, nahm seine Karte heraus, klappte die Kassette zu, verschloss sie und räumte sie wieder weg."
Der Zusammenhang zwischen unserem Tun und seinen Konsequenzen, die Frage nach dem Zusammenhang von Freiheit und Schicksal, Schuld und Sühne wird umso hartnäckiger gestellt; nicht nur von Bell, sondern auch von seinem sinistren Widerpart Chigurh (im Film von Javier Bardem dermaßen überzeugend gespielt, dass sogar dessen Heintje-Goes-Velvet-Underground-Frisur zur Unheimlichkeit des Charakters noch beiträgt).
Chigurh als Psychopathen zu klassifizieren (der er nach allen landläufigen Kriterien ist), fällt deswegen so schwer, weil er sein blutiges Handwerk als alttestamentarischer Agent einer höheren Macht mit emotionsloser Unerbittlichkeit versieht – mit der Fatalität eines Fallbeils, unter dem der häufigste Satz seiner Opfer, "Sie müssen das nicht tun", seine Plausibilität verliert: "Als ich in Ihr Leben getreten bin, war Ihr Leben vorbei. (…) Das ist das Ende. Sie können sagen, dass es anders hätte ausgehen können. Dass es anders hätte verlaufen können. Aber was heißt das? Es ist nicht anders verlaufen."
"Ich schätze, ich würde sagen, dass er keinen Sinn für Humor hat", wird Chigurh von einem Mann charakterisiert, dem er kurz darauf das Gesicht wegschießt. Irgendwann ist Schluss mit lustig und die Ansicht, dass man eines Tages "vielleicht" tot sei, wie Bells Kollege anmerkt, ein unsinniger Euphemismus.

Kein Land für alte Männer" verweigert jeglichen Relativismus mildernder Umstände – ob der nun psychologisch, pathologisch oder soziologisch argumentiert, um stattdessen ehern am Gegensatz von Gut und Böse festzuhalten. Bell, der im Krieg seine Kameraden im Stich gelassen hat (als Alternative dazu aber wohl nur mit ihnen hätte sterben können), ist der Auffassung, "dass die Welt zum Teufel geht".
Wäre er ein tumber Redneck, es fiele leicht, seine Ansichten als apokalyptisches Gewäsch abzutun. Weil er aber ein zögerlicher Melancholiker und fürsorglicher Vertreter seines County ist, blamiert sich hier vorgebliche Liberalität leicht als Indifferenz. Vor 40 Jahren haben Schuldirektoren auf die Frage nach den größten Problemen an den Schulen auf schwätzende und kaugummikauende Schüler verwiesen; in den selben Fragebögen ist heute von Mord, Selbstmord und Vergewaltigung die Rede. Altmännerhysterie? Bell sieht das anders: "Meiner Meinung nach hat jeder, der den Unterschied zwischen Vergewaltigung und Mord und Kaugummikauen nicht kennt, ein sehr viel größeres Problem als ich."

Klaus Nüchtern in FALTER 18/2008



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