Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft

Heinz Bude


Absturz für alle!

Schon das Reality-TV liefert mit den medial inszenierten Geschicken von Auswandererfamilien oder Besuchen des Schuldnerberaters Befunde einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Krise. Tatsächlich handle es sich bei dieser – so die Ausgangsthese des Soziologen Heinz Bude in "Die Ausgeschlossenen" – aber nicht mehr um Fragen sozialer Ungleichheit, die immer schon ein Hauptthema der Soziologie waren, sondern um das Phänomen eines großflächigen gesellschaftlichen Ausschlusses. Dieser bedroht etwa 30 Prozent der Deutschen: Kids ohne Hauptschulabschluss, Arbeitslose, Hartz-IV-Klientel oder Scheinselbstständige. Weder traditionelle wohlfahrtsstaatliche Maßnahmen noch die Marktkräfte sind in der Lage, eine Desintegration solchen Ausmaßes zu bewältigen.
Wenn wissensbasierte und dienstleistungsorientierte Facharbeit zum Normalmodell wird, bleiben die Verweigerer des Bildungssystems auf der Strecke. Die "totale Mobilisierung des Arbeitsvermögens" auf den Märkten sorgt aber dafür, dass auch Hochqualifizierte zu Menschen "ohne Adresse in der kollektiven Selbstauffassung unseres Gemeinwesens" werden: "Der Absturz scheint von überall möglich." Die Vielfalt der Szenarien sozialer Ausschließung reicht von der entkoppelten Landbevölkerung im Osten Deutschlands bis zu den jungen Migranten, denen im Niemandsland zwischen überlebter Tradition und abweisender "Gastgesellschaft" nur ohnmächtige Gesten bleiben, um symbolische Anerkennung zu erheischen.
Seine engagierten Essays bezeichnet der Autor selbst als ein Stück "öffentlicher Soziologie". Während sich Zahlenmaterial und akademische Kommentare im hochinformativen Fußnotenapparat verbergen, entfaltet der Text seine Überzeugungskraft vor allem über die Schilderung idealtypischer Einzelschicksale. "Die Ausgeschlossenen" ist ein ebenso eloquenter wie differenzierter Beitrag zur öffentlichen Debatte des Sozialen, selbst wenn seine Überzeichnungen zuweilen in Klischees abdriften. Seine Themen sind auch hierzulande unterbelichtet: das postindustrielle Proletariat der 1000-Euro-Generation, die Verwerfungen innerhalb der Migrationsbevölkerung oder die Ängste jener vom Absturz Bedrohten, die zwischen Armuts- und Wohlstandsschwelle pendeln.

Fritz Betz in FALTER 18/2008



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×