In welcher Sprache träumen Sie?. Österreichische Exillyrik

Miguel Herz-Kestranek, Daniela Strigl, Konstantin Kaiser


Exile on Mainstreet

Lange angekündigt, ist nun im Theodor Kramer Verlag eine Anthologie der österreichischen Exillyrik unter dem Titel "In welcher Sprache träumen Sie?" erschienen. Man merkt beim Lesen schnell: Es geht nicht nur um eine neue Anthologie der österreichischen Exillyrik, sondern um einen Band, der weit mehr als das Einschlägige und das schon Bekannte präsentiert. Es sind über 500 Gedichte von österreichischen Lyrikerinnen und Lyrikern, die hier versammelt sind, wobei das "Österreichische" gewohntermaßen weitflächig definiert ist. Im Grunde gab es noch nichts Vergleichbares, sieht man von einem schönen Band "Dein Herz ist deine Heimat" (der aber die Lyrik des Exils nur subsumierte) und von Sammlungen der gesamten deutschsprachigen Exillyrik ab, von denen Manfred Schlössers Band "An den Wind geschrieben" besonders im Gedächtnis geblieben ist. Dessen bio-bibliografische Angaben waren 1960, als dieser Band erschien, besonders wichtig, denn damals stand die Exilforschung noch an ihren Anfängen.
Wer die Lyriksammlung von Rudolf Felmayer "Dein Herz ist deine Heimat" von 1955 aufschlägt und dann zur neuen Anthologie greift, der mag sich denken: Früher schrieben Exilautoren anders. Man merkt daran, dass Herausgeber imstande sind, unseren Blick auf Exillyrik zu verändern. In diesem Fall sind es drei wirkliche Fachleute, von denen der erste, Miguel Herz-Kestranek, als Sohn jüdischer Remigranten ins Thema noch hineingeboren wurde. Die beiden anderen, Daniela Strigl und Konstantin Kaiser, sind zwei Literaturwissenschaftler, die schon viele Meriten im Hinblick auf die Exilliteratur gesammelt haben. Das erweiterte Panorama, das ihr Band eröffnet, ist Resultat langjähriger Recherche, die sie nicht nur zu Bücherschränken führte, sondern auch zu Zeitungsmagazinen und zu den Schreibtischschubladen der Überlebenden. Es sind nicht nur Gedichte, die das Leiden und das Erleiden dokumentieren, es sind nicht nur Spiegelungen politischer Glaubensbekenntnisse, sondern es ist eine Anthologie der Moderne, ein weites Panorama der Schreibweisen, des Spiels mit den Formen und den Themen.
Die Autoren sind alphabetisch geordnet, ihre Gedichte sind eingeleitet von einem kurzen biografischen Abriss, und dennoch ist dies kein neues Lexikon der Exilliteratur, aus dem einfachen Grund, weil Lyrik gewissermaßen das Sorgenkind des Exils war, das "Aschenbrödel unter den Gattungen" (so der Literaturwissenschaftler Frithjof Trapp) – eine Gattung jedenfalls, von der viele Exilanten, darunter auch Lyriker, sich fernhielten. Warum? 1942 notierte sich Brecht in Santa Monica: "hier lyrik zu schreiben, selbst aktuelle, bedeutet: sich in den elfenbeinturm zurückzuziehen. es ist, als schreibe man goldschmiedekunst. das hat etwas schrulliges, kauziges, borniertes. solche lyrik ist flaschenpost." Schlechte Zeiten für Lyrik also. Andererseits erinnern wir uns an Ruth Klügers Buch "weiter leben", das ein eindringliches Plädoyer für Gedichte enthält. Über den Alltag in Auschwitz erzählt sie, dass dort jedes Gedicht "zum Zauberspruch" wurde.
"In welcher Sprache träumen Sie?" So einfach ist das keineswegs, denkt man beim Titel dieser schwergewichtigen Anthologie, weil Träume eben nicht für eine Sprache (die "Muttersprache") reserviert sind. Befriedigt liest man dann das titelgebende Gedicht auf Seite 297: "Ich träume englisch / Ich tagträume französisch / Meine Albträume sind deutsch." Der Autor heißt Herbert Kuhner, 1935 geboren, 1939 mit den Eltern nach England geflohen, Verfasser einer eher übersehenen Autobiografie ("Der Ausschluß", 1988), ein streitbarer Autor, der sich im heutigen Wien als Übersetzer betätigt. In den gängigen Literaturgeschichten des Exils sucht man ihn vergeblich. Auch daran mag man das Gewicht des Buches ermessen: 278 Lyrikerinnen und Lyriker des Exils sind hier versammelt, weit mehr, als je in Lyrikanthologien ediert wurden, und selbst das "Lexikon der österreichischen Exilliteratur" verzeichnet nicht alle Namen. Dass die Albträume deutsch waren, das erinnert auch an eine der frühesten österreichischen Verdrängungsleistungen des Nachkriegs, weil man nämlich nach 1945 in den Schulen nicht mehr "Deutsch" oder "Österreichisch", sondern "Unterrichtssprache" lehrte.
Jede Anthologie fordert zur Nachforschung auf und zur Überprüfung: Nach welchen Kriterien wurde ausgewählt, und wie ist das Ausgewählte geordnet? Die wichtigste Entscheidung der Herausgeber ist vielleicht, dass sie auch die Literatur des Widerstands, Gedichte aus den nationalsozialistischen Lagern und solche des "inneren Exils" mitberücksichtigten (Erika Mitterer ist aufgenommen, glücklicherweise auch Selma Meerbaum-Eichinger, von der einige der beeindruckendsten Gedichte des Bandes stammen, aber beispielsweise nicht Karl Kraus, dessen Gedicht "Man frage nicht, was all die Zeit ich machte", sicher zu den eindringlichsten dieser Zeit gehört). Dass die Autorinnen und Autoren in alphabetischer Reihenfolge geordnet sind, ist einleuchtend und erleichtert die Suche. Weniger einleuchtend ist, dass fast alle chronologischen Hinweise, vor allem die Entstehungsdaten der Gedichte, fehlen. Aber man sollte wohl nicht zu viel mäkeln, wenn man ein so beeindruckendes Geschenk bekommt.

An einem Punkt freilich sollte man doch Widerspruch anmelden, dort nämlich, wo Konstantin Kaiser im Vorwort schreibt: "Dem literarischen Rang nach steht die Exil- und Widerstandsliteratur weit über den Werken jener Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sich in der Reichsschrifttumskammer organisierten." Sicherlich gibt es für den Satz viele Belege, und dennoch haftet ihm etwas Unrichtiges an, nämlich die Vermischung von zwei Kriterien, einem moralischen und einem literaturästhetischen, weil impliziert wird, dass die politische Position oder der geografische Standort des Außen mit der literarischen Qualität zusammenfällt.
Exilliteratur hat es nicht nötig, dass man sie mit außerliterarischen Mitteln aufwertet, aber freilich steht der Satz in der Tradition der Exilliteraturforschung: Die Aufarbeitung dieser Literatur steht seit den Sechzigerjahren unter dem Zeichen einer Wiedergutmachung, sie ist geprägt vom Widerstand gegen eine restaurative und aggressive Praxis des Verdrängens und Wegschiebens, und sie war deshalb nicht frei von Projektionen. Die Vorstellung von der Einheit einer Exilliteratur war von Anfang an ein Ideal der danach Suchenden, eine Projektion der Literaturwissenschaftler auf die Literatur des Exils. Es wäre jetzt aber an der Zeit, sich stattdessen auf das genuine Kennzeichen der Exilliteratur zu besinnen: In ihr vermischen sich Kulturen, Sprachen und Traditionen, sie ist Teil jener modernen europäischen Literatur, die immer schon von Zuströmen, von Wanderungen und gegenseitigen.

Michael Rohrwasser in FALTER 17/2008



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