Der lange Weg nach Hause. Der Sohn des Bundeskanzlers erinnert sich

Kurt von Schuschnigg


Eine glückliche Kindheit sieht anders aus. Mit acht Jahren verliert Kurt von Schuschnigg seine Mutter, mit elf wird der Vater von der Gestapo festgenommen. Seinen Vater sieht der Kanzlersohn weder als Deutschnationalen noch als Monarchisten und auch nicht als tragisch gescheiterten Beschützer Öster­reichs. Er ist für ihn ein hart arbeitender, meist abwesender Vater, den der Sohn nicht infrage stellt – nicht in seiner Kindheit und auch nicht im Rückblick siebzig Jahre danach.
Die Ferien darf Gymnasiast Kurt beim Papa verbringen – im KZ Sachsenhausen. Damit zählt er wohl zu den wenigen, die jemals freudig das Lagertor durchschritten haben. Trotz aller Grausamkeit der Naziherrschaft rückt Kurt von Schuschnigg jr. immer wieder auch deren Skurrilität ins Blickfeld. Dem Pathos entgeht er mit Humor und emotionaler Tiefenschärfe. Entstanden sind seine Erinnerungen in Zusammenarbeit mit seiner Frau Janet. Gemeinsam finden sie gelassene Worte für ungeheuerliche Dinge innerhalb und außerhalb der KZ-Mauern.
Für eine politische Aufarbeitung ist die Perspektive zu subjektiv. Den Nazis gegenüber bezieht von Schuschnigg eindeutig Position, dem Leben und Werk seines Vaters begegnet er mit jungenhafter Unschuld. Die Ereignisse der Jahre 1933 bis 1945 bilden den Hintergrund zur Familiengeschichte. Deren Anekdoten schaffen keine Objektivität – es sind lebendige Detailaufnahmen eines außergewöhnlichen Zeitzeugen.

Andreas Kremla in FALTER 17/2008



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