Memoiren eines Moralisten - Das Exil im Exil

Hans Sahl


Ein Pakt mit der Fremde

Nein, ich will keine Memoiren schreiben. Ich bin kein General im Ruhestand, der seinen verlorenen Schlachten eine eiserne Träne nachweint, keine alternde Schauspielerin, die aus Mangel an Beschäftigung sich einer Zeit erinnert, in der die dramatischen Auftritte vorwiegend im Schlafzimmer stattfanden."
Dass Hans Sahl – 1902 als Sohn eines Bankiers in Dresden geboren, 1993, nach Jahrzehnten im New Yorker Exil, in Tübingen verstorben – es dann aber doch getan hat, ist ein Glücksfall, gehört sein zweiteiliges Erinnerungsbuch "Memoiren eines Moralisten" (1983) und "Das Exil im Exil" (1990) doch zweifellos zu den interessantesten dieses Genres. Der schöne Doppelband ist nun, als Auftakt einer vierbändigen Werkausgabe, bei Luchterhand neuaufgelegt worden, eine seltene verlegerische Beharrlichkeit, die man kaum hoch genug schätzen kann (selbst die typografischen Fehler der Ausgaben von 1990 bzw. 1994 wurden großteils beibehalten). Zudem ist Anfang des Jahres im Wallstein Verlag die minuziös gearbeitete Studie "Die Exterritorialiät des Denkens: Hans Sahl, ein Intellektueller im Exil" der in England forschenden Literaturwissenschaftlerin Andrea Reiter erschienen, die neben dem vergleichsweise schmalen literarischen Werk erstmals die umfangreichen Tagebuchaufzeichnungen des Autors mit in den Blick nimmt.
Sahl, in Breslau promovierter Kunsthistoriker, begann 1922 in Berlin als Journalist zu schreiben. Er arbeitete für die angesehene Zeitschrift Das Tage-Buch und als Film-, Theater-, Literaturkritiker für großbürgerlich liberale Blätter wie den Montag Morgen oder den Berliner Börsen-Courier. Mit viel, manchmal sogar zu viel Witz erinnert sich Sahl in seinen Memoiren an die Breslauer Partie (Peter Lorre, Carola Neher, Hertha Pauli), die Berliner Literatenszene (Brecht, Axel Eggebrecht, Max Herrmann-Neisse, Kurt Pinthus), an Begegnungen mit Asta Nielsen und anderen prominenten Filmleuten wie Sergej Eisenstein und Valeska Gert (für die er 1931 den Postillon d'amour gespielt haben will).
Im März 1933 flieht Sahl, damals noch Sympathisant der kommunistischen Idee, nach Prag, hält sich illegal in der Schweiz auf und bezieht 1934 notdürftig Quartier in Paris. In diese Zeit fällt auch sein radikaler Bruch mit der Partei. Unter dem Eindruck der Moskauer Schauprozesse und der Machinationen im kommunistisch dominierten Schutzverband deutscher Schriftsteller, der die Einheitsfront gegen Hitler über alles stellt, gründet Sahl (mit Alfred Döblin, Hermann Kesten, Joseph Roth, Walter Mehring) eine politisch wie geistig unabhängige Gegenorganisation, den Bund Freie Presse und Literatur. Es ist der Beginn seines Exils im Exil, die "Geburtsstunde" des Renegaten Sahl, der er Zeit seines Lebens bleiben sollte. "Es muß endlich einmal zur Kenntnis genommen werden, auch in der BRD", polterte Sahl noch 1991 in einem Gespräch mit Fritz J. Raddatz, "daß es eine nichtmarxistische, antikommunistische Emigration gab."
Kurz nach Kriegsbeginn wird Sahl in der Nähe von Nevers interniert und erst 1940, auf Intervention des französischen PEN-Club, wieder auf freien Fuß gesetzt. Er wird Mitarbeiter des Emergency Rescue Committee in Marseille, dem die Rettung hunderter Exilanten aus der Hölle Frankreich gelingt. Sahl selbst geht am 1. April 1941 in Lissabon an Bord der SS Guinée, ihr Zielhafen: New York.

Amerika war bereits vor meiner Ankunft ein Teil meines Bewußtseins", notiert Sahl in seinen Memoiren. "Das Amerika Charlie Chaplins, Buster Keatons und Harold Lloyds, das Amerika der Brownstone-Häuser, der Drugstores, der Wohnpaläste, aus denen jeden Augenblick ein Clark Gable, eine Katherine (sic!) Hepburn, ein Spencer Tracy heraustreten könnte."
Mehr schlecht als recht, mithilfe von Stipendien und Freunden wie Hermann Broch und Dwight McDonald, kann sich der von Selbstzweifeln geplagte Autor in New York über Wasser halten. Er arbeitet sporadisch für Emigrantenblätter und 1942 erscheint mit "Die hellen Nächte" eine erste Anthologie seiner Gedichte (in deutscher Sprache!). Eine gewisse intellektuelle Weltfremdheit kann man Sahl schwerlich absprechen, wie etwa ein um 1937/38 verfasstes Exposé für einen Van-Gogh-Film belegt: "Es gab eine Zeit in Paris, da war ich Van Gogh, da lebte ich, hungerte ich, verzweifelte ich wie Van Gogh. Ich war Van Gogh."
Ende 1941 bietet er sich brieflich als Mitarbeiter eines geplanten Van-Gogh-Films in Hollywood an und tut ungefragt auch gleich seine Wünsche hinsichtlich Regie ("z. B. John Ford") und Hauptdarsteller (Spencer Tracy) kund. Das treffende Postskript dazu findet sich einige Jahre später, als sich Sahl erneut als Van-Gogh-Experte ins Spiel zu bringen sucht – das Schreiben wird mit der internen Anmerkung "He's nuts" versehen.
Sahls einziger "praktischer" Beitrag zur Filmgeschichte ist seine Drehbuchmitarbeit an Leopold Lindtbergs "Die Vier im Jeep", für die er 1947 erstmals nach Europa zurückkehrt. In den folgenden Jahren pendelt er als US-Korrespondent für die Süddeutsche und Die Welt zwischen Europa und den Staaten hin und her und macht sich hüben wie drüben als Übersetzer von Thornton Wilder, Tennessee Williams oder Arthur Miller einen Namen.
Erst im Alter von 87 Jahren und inzwischen völlig erblindet ließ sich Hans Sahl mit seiner zweiten Frau doch endgültig in Deutschland nieder. "Ich bin ein exterritorialer Mensch geworden, ich habe einen Pakt mit der Fremde geschlossen. Ich kann nicht mehr ohne sie leben, ohne dieses Gefühl, nicht ganz zuhause zu sein, ein Gast in fremden Kulturen."

Michael Omasta in FALTER 17/2008



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