Blindlings

Claudio Magris


Der junge Claudio Magris gab in den 1960ern mit seiner Dissertation über den "Habsburgischen Mythos" der hiesigen Literaturforschung einen wichtigen Anstoß. Seitdem hat er ein umfangreiches Œuvre angehäuft, das von Essays über den zentraleuropäischen Raum bis hin zu Romanen reicht. "Ich bin nicht eingeschüchtert ob der Größe und Komplexität der Welt", meint der "kosmopolitische Provinzler" aus Triest. Sein jüngster Roman umspannt, ähnlich Michael Köhlmeiers "Abendland", das gesamte letzte Jahrhundert. In Italien wurde "Alla cieca" als Opus magnum gefeiert.
Der Glückssucher Salvatore Cippico ist stets an den Hot Spots der Geschichte zu finden: Der Sohn eines italienischen Auswanderers und einer Tasmanierin kämpft im spanischen Bürgerkrieg; er überlebt Dachau und engagiert sich nach dem Krieg in Jugoslawien, bis ihn Tito auf die Gefängnisinsel verstößt. Für einen von revolutionärem Geist erfüllten Helden gibt es im 20. Jahrhundert keinen Platz mehr, Cippico endet in der Psychiatrie und halluziniert davon, der dänische Abenteurer Jorgen Jorgensen (1780–1841) zu sein. "Blindlings" zeichnet ein illusionlos dunkelgraues Bild der Welt. Die vielen kleinen Geschichten – recherchierte und gut erfundene –, die der Professore dafür bemüht, sind umso faszinierender und führen den Roman bis an den Rand der Explosion.

Sebastian Fasthuber in FALTER 17/2008



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