Die Zumutungen der Moderne

Nicolas Mahler


Noch provokanter als in der Kunst wirkt der Minimalismus im Medium Comic, das dem pragmatisch-handwerklichen Anspruch des "Schön-Zeichnens" noch viel stärker verhaftet ist. "Nicolas Mahler ist eine Unverschämtheit", schreibt denn auch Ralf König im Nachwort zu dessen neuem Werk, nur um ihn dann auf eine Stufe mit altägyptischen Tempelzeichnungen und dem mittelalterlichen Wandteppich von Bayeux zu stellen. Mahlers Figuren sind zwar in ihrer grafischen Darstellung aufs Minimum reduziert und entbehren mangels Augen jedes mimischen Ausdrucks, aber die dadurch evozierten Geschichten wirken auf diese Weise um so plastischer.
Im zweiten Band eines Selbstporträts des Künstlers als nicht mehr ganz so junger Mann, werden wunderbare Geschichten aus dem Leben einer Boheme am Rand des Kunstbetriebs erzählt. Lerne leiden, ohne zu klagen, lautet das Motto aus dieser Welt finnischer Avantgarde-Trickfilmfestivals und polnischer Schabkartonzeichner. Der Kunstignoranz begegnet Mahler mit lakonischen Texten und Zeichnungen, die bei wohlwollender Betrachtung an Skulpturen von Alberto Giacometti erinnern, in jedem Fall aber ein "Das kann ich aber auch" provozieren. Dieser populäre Irrtum stellt Mahler zwar in eine Reihe mit vielen großen Künstlern der Moderne, im Unterschied zu den meisten von diesen ist er aber zum Brüllen komisch. Wer nicht gerne durch lautes Gekichere auffällt, sollte den Band jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit lesen.

Peter Iwaniewicz in FALTER 16/2008



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