Weiß

Hans Platzgumer


Ausstieg Arktis

Österreichische Romanciers neigen, so scheint es, ein wenig zum Extremismus der letzten Welten: Raoul Schrott schickt seine Protagonisten gerne in die Wüste oder auf die weitest vom Festland entfernte Insel ("Tristan da Cunha", 2003); Christoph Ransmayr lässt ein Brüderpaar auf der Suche nach einem unentdeckten Berg im Transhimalaya herumkraxeln ("Der fliegende Berg", 2006); und Thomas Glavinic entvölkert Wien, damit sein einsamer Held darin langsam dem Irrsinn verfallen kann ("Die Arbeit der Nacht", 2006).
Der bislang vor allem als Musiker (HP Zinker, Queen of Japan, HP.Stonji) bekannte Tiroler Hans Platzgumer hatte sich schon 2005 auf eine Reise aufgemacht ("Expedition. Die Reise eines Undergroundmusikers in 540 KB"). Nun begeben sich er und der Protagonist seines Romans "Weiß" in jenen nördlichsten Zipfel Eurasiens, in dem schon Ransmayr "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" (1984) angesiedelt hatte. Die berühmte "Österreichisch-Ungarische Nordpolexpedition" von Julius Payer und Karl Weyprecht, die 1873 zur Entdeckung des Franz-Joseph-Landes führte und den historischen Hintergrund von Ransmayrs Roman bereitstellt, findet auch bei Platzgumer Erwähnung.
Sebastian Fehr ist Ende dreißig und einigermaßen verdrossen. Ein bisschen kann man das auch verstehen – der Mann wohnt in Frankfurt, wo weder Peepshows noch Italienischkurse für Singles zur angestrebten Befriedigung beitragen, und auch der Aufenthalt in einer Nudistenkolonie hat's nicht echt gebracht: "Belebung, Stimulation, Entspannung hatte Sebastian Fehr in dem textilfreien Camp zwei Jahre zuvor gesucht. Nackte, tiefhängende Genitalien hatte er gefunden." Endlich wird eine Studentin der Medientechnik nach ein paar Cocktails entsprechend anlassig, weil sie aber Charlotte Roches "Feuchtgebiete" ganz offensichtlich nicht gelesen hat, ist sie ob Sebastians ungehegter Brust- und Intimbehaarung dermaßen entsetzt, dass der eben erst angestrebte Austausch von Körperflüssigkeiten jäh unterbrochen wird. Kein Wunder also, wenn labilere Personen da des "Auslaufmodells Mensch" überdrüssig werden und aufbrechen, um sich im ewigen Eis zur ewigen Ruhe zu betten.
Bereits auf den ersten Seiten des Romans befinden wir uns mit Sebastian im hohen Norden, wo die Existenz weitgehend aufs bloße Überleben reduziert wird. Der suizidale, sich von Astronautennahrung, Tabletten und Pulverglühwein ernährende Protagonist findet das ganz okay, das Svalbard-Rentier wohl weniger: Es hat, wie wir erfahren, eine maximale Lebenserwartung von fünf Jahren, weil es sich beim Flechtenabkiefeln unweigerlich das Gebiss ruiniert.
Nach diesem ersten Einstieg in die Arktis gibt es erst mal ein paar Rückblenden und biografische Grundinformationen (Sebastians Eltern sind verunglückt, als er noch ein Kind war), bevor die eigentliche Reise noch einmal chronologisch erzählt wird. Das führt einerseits zu offenbar kalkulierten, aber dennoch anstrengenden Redundanzen und lenkt andererseits das Augenmerk auf einige ästhetische Grundsatzentscheidungen des Autors.
Und da ist doch einiges aus dem Ruder gelaufen: Die Neigung, jedes Rechercheergebnis aus den Wissensgebieten Geologie, Glaziologie und Geostrategie des Kalten Krieges in den Roman zu pressen, die Umständlichkeit der Erzählweise und die generelle Sprödigkeit des Themas üben eine stark sedierende Wirkung auf den Leser aus, die möglicherweise dem medikamentös induzierten Phlegma des Protagonisten nicht unähnlich ist.
Gewiss, in "Weiß" geht es um die Reduktion von Wahrnehmung, um das Hinarbeiten auf den finalen Stillstand. Ein hoch ambitioniertes und äußerst riskantes Unterfangen, weil es einer strengen Erzählökonomie bedürfte, um nicht in monochromer Monotonie unterzugehen. Über eine solche verfügt der Roman aber leider nicht. Der unmotivierte Wechsel von streng personalem Erzählen zu objektivierender Außenperspektive; die Einführung funktionsloser Figuren in der Mitte des Romans, die in hölzernen Dialogen ökologische Memoranda absondern ("Das sind nicht nur Grashalme und Vogelkot, Ramona. Das sind alles kleine Fakten, die uns Einsicht in unsere Umwelt geben"); und schließlich die unkontrollierte Anhäufung von auch nicht immer stimmigen Vergleichen und Metaphern ("Die Wolkenkratzer waren festgebunden und mussten die Reise der Menschheit im Stillstand angekettet unternehmen") führen schließlich dazu, dass der Roman im Packeis der eigenen Erzählung steckenbleibt.

Klaus Nüchtern in FALTER 16/2008



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