Das schöne Leben

Christiane Rösinger


Es könnte schlimmer sein

Früher einmal war Christiane Rösinger beinahe ein Popstar. Anders als ihre männlichen Diskurspop-Kollegen setzte sie mit ihrer Band Lassie Singers nicht auf laute Stromgitarren und verquere Wortwelten; vielmehr kombinierte sie simpel-poetische Songtexte mit freundlich-charmantem Gitarrenpop. Seit den ausgehenden Neunzigern schreibt Rösinger dieses Werk mit der Band Britta fort, deren aktuelle CD "Das schöne Leben" auch den Titel fürs autobiografische Romandebüt der Musikerin lieferte.
Rösinger, die nebenbei als Journalistin arbeitet und als Labelmacherin ebenso Erfahrung hat wie als Barbetreiberin, erzählt darin die Geschichte einer jungen Frau aus der deutschen Provinz, die Mitte der Sechzigerjahre am elterlichen Spargelacker mit dem Karotten-Mikro in der Hand "Downtown" intoniert, später als junge Alleinerzieherin unter dem Eindruck eines Ton-Steine-Scherben-Konzerts nach Berlin flüchtet, dort Teil der Achtzigerjahre-Künstlerszene wird und eine Band gründet, im Gegensatz zu ihrem einstigen Umfeld das Erwachsenwerden aber derart konsequent auf später verschiebt, dass in diesem Leben wohl nichts mehr daraus wird.
"Es ist nicht leicht in Berlin, und das Leben hier fordert den ganzen Menschen", schreibt Rösinger. "Das Jahr geht vom Winterschlaf in die Frühjahrsmüdigkeit, von der Frühjahrsmüdigkeit ins Sommerloch, vom Sommerloch in die Herbstdepression und dann direkt in den Winterschlaf über – und zwischendurch gibt's Momente, die gut sind." Von diesen Momenten berichtet sie, aber auch von den diversen Bruchlandungen dazwischen. Gänzlich uneitel verbindet Rösinger biografische Erzählung mit Lebensphilosophie und teilnehmende Subkultursoziologie mit der Reflexion der eigenen prekären Lebensrealität in der Lo-Fi-Boheme. "Wir sind nicht Lo-Fi, weil wir den Anschluss verloren hätten oder wegen der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, wir sind Bohemiens geworden, um nicht arbeiten gehen zu müssen", schreibt sie mit lakonischem Trotz.
Resignation oder Zynismus stehen nie zur Debatte, und auch gegen Verspießerungstendenzen muss nicht groß angeschrieben werden – in Rösingers Leben ist für Spießertum einfach kein Platz. Dafür gibt es Liebschaften mit Ikea-Leselampen im Ecstasy-Rausch, Ausgehen wird als beste Medizin gegen körperliche und geistige Müdigkeit empfohlen und kontrollierter LSD-Konsum als zeitgemäße Entspannungsform erwogen – könne er doch "in unseren hektischen Zeiten zur Einkehr aufrufen und damit ähnlich wie Yoga den überanstrengten Menschen wieder fit für den Alltag machen". Übers Partymachen im Alter denkt Rösinger nach, über den jugendkulturellen Stillstand, die Problematik gemeinsamer Geburtstagsfeste von Indierock- und Techno-Freunden und das Krankenhaus als potenziell coolen Ort von morgen.
Melancholieresistent ist Rösinger nicht, aber sie bleibt bis zur letzten Seite guter Dinge. Nach der "Neuen Bitterkeit", der "Neuen Bescheidenheit" und dem "Neuen Spießertum" wünscht sie sich den "Neuen Optimismus" als nächste Bewegung. "Der neue Optimismus fußt auf einer Handvoll positiver Grundannahmen: Es ist nicht alles schlecht. Wir kommen schon irgendwie zurecht. Es könnte schlimmer sein. Das Leben ist doch manchmal schön." Dann hält sie kurz inne und schreibt noch einen vielversprechenden, letzten Satz hin: "Wir werden die Sache weiter beobachten."

Gerhard Stöger in FALTER 16/2008



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