Liebesbrand

Feridun Zaimoglu


Jetzt kommt der Onkel Horst

Feridun Zaimoglu sitzt beim Frühstück im Hotel Alpenrose, plaudert auf Türkisch mit dem Personal und ist entzückt, dass man in Österreich noch rauchen kann, genehmigt sich zahlreiche Frühstückszigaretten und muss das folgende Interview auch kurz zum Zigarettenholen unterbrechen. Die Veranstaltung in Feldkirch, zu der Zaimoglu – neben Michael Lentz und Wladimir Kaminer – vergangenes Wochenende geladen wurde, trug das Motto "In welcher Sprache träumen Sie?". Das sei auch die einzige Frage, ließen die Veranstalterinnen vor dem Interview wissen, die Herr Zaimoglu nicht mehr hören könne.
Der Autor, der 1964 im anatolischen Bolu auf die Welt kam und seit 37 Jahren in Deutschland lebt, hatte zunächst eine Karriere als bildender Künstler angestrebt. Bekannt wurde er dann durch sein erstes Buch "Kanak Sprak" (1995), in dem das Idiom deutscher Türken der zweiten Generation literarisch fruchtbar gemacht wird. Zaimoglus Roman "Abschaum" wurde unter dem Titel "Kanak Attack" verfilmt, die Aktion "Kanak Attack. Die dritte Türkenbelagerung" sorgte 2005 in Wien für Aufregung, als er die Kunsthalle mit türkischen Fahnen einhüllte. In Wien erlebte vergangenes Jahr auch Zaimoglus Stück "Schwarze Jungfrauen", das auf Interviews mit radikalen Musliminnen beruht, seine österreichische Erstaufführung. Als vor zwei Jahren "Leyla", Zaimoglus Roman über eine türkische Einwanderin, erschien, erhob die Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar Plagiatsvorwürfe, die im deutschen Feuilleton heftig diskutiert, später dann aber wieder zurückgenommen wurden. Für seinen jüngsten Roman "Liebesbrand" (siehe auch Kasten auf S. 62), der sich unter den Finalisten für den Preis der Leipziger Buchmesse befand, hat Zaimoglu fast nur gute, zum Teil geradezu hymnische Kritiken geerntet.
Falter: Die banalste Frage zuerst: Wie stark ist der autobiografische Bezug in "Liebesbrand"? Der Busunfall, bei dem der Ich-Erzähler gleich zu Beginn des Romans verletzt wird, ist Ihnen voriges Jahr ja tatsächlich zugestoßen.
Feridun Zaimoglu: Den habe ich ganz knapp überlebt – meine Ferse brannte schon. Es war auf der Rückreise von Ankara an die Ägäis: Der Busfahrer ist eingeschlafen und mit 150 Sachen einem Überlandlaster aufgefahren. Es gab 15 Tote und 21 Verletzte. Aus einer Vorahnung heraus ließ meine Mutter die Karten umtauschen, weswegen wir nicht über dem rechten Hinterreifen, sondern in der Mitte saßen. Die Leute auf unseren ursprünglichen Plätzen sind elendiglich verbrannt. Das Erstaunliche war die unbändige Lebenslust und unglaubliche Freude, die ich danach verspürte. Den Unfall habe ich gleich darauf als eine Art Entgiftung für Tempo beschrieben. Für das Schreiben von Büchern brauche ich immer eine bestimmte Nüchternheit und Gefühlskälte: Es ist ja nicht wichtig, was ich empfinde, sondern dass ich bestimmte Gefühle im Leser produziere.
Und was leistet Ihre Literatur für Sie persönlich?
Das Schreiben ist für mich auch deswegen eine Sucht, weil es hilft, vom eigenen banalen Ich wegzukommen. Meine Stupidität und meinen schlechten Geschmack hält ja keiner aus. Es klingt für manche etwas spinnert, aber die Verätzungen des Alltags sind doch so schlimm, dass man da Abstand gewinnen möchte. Und viel wichtiger als die biografischen Details ist in "Liebesbrand" das romantische Gefühl, das Begehren des Protagonisten – das ist allerdings authentisch.
Sie sind also auch ein Idiot – in Liebesdingen?
Aber natürlich. Man macht doch eine lächerliche Figur. In den meisten Fällen war es so, dass ich irgendwo saß und von einer Frau angesprochen wurde ...
Sie werden von Frauen angesprochen?!
Immer wieder mal. Ich selbst kann eine Frau nicht zielgerichtet belagern und diesen Zustand so lange aufrechterhalten, bis sie sich einen Ruck gibt und sagt: "Na gut." Und ich gehöre ein bisschen der alten Schule an: Gewisse Frechheiten und Unverschämtheiten sind mir nicht möglich. Ich bin nicht gehemmt, aber ich bin schüchtern. Ich kann nicht zu einer Frau gehen und sagen: "Baby, du hast auf mich gewartet."
Ist ja auch ein selten blöder Spruch. Man will doch gar nichts mit einer Frau haben, die auf den reinfällt.
Seit einiger Zeit kann man in Frauenzeitschriften lesen, dass längst ein Paradigmenwechsel stattgefunden habe und sich jetzt die Frauen die Männer aussuchen.
Davon merken wir aber nichts, oder?
Wenn ich mich hier umschaue, sind wir alleine: zwei Jungs bei der Arbeit.
Führt der Roman nicht auch ein bisschen Klage über die Reserviertheit der Frauen?
Es ist mehr als eine Klage, nämlich die Wut über die Mittelstandsnarkose und die Liebesanbahnung bei Zimmertemperatur. Wie sind wir doch zivilisiert! Weil wir es tunlichst vermeiden wollen, eine lächerliche Figur abzugeben. Was haben wir schon alles aus der Feder von jungen Schreibern und Schreiberinnen gelesen, die Berufserwachsene mimen: eine billige Trauer, und ein Bescheidwissen, das schon gar nicht mehr von "Liebe" spricht, weil das Wort zu groß ist. Die Geschichte, die ich erzählen will, kann man auch als einen Bruch verstehen mit der neurotischen Sucht, alles zu wissen und damit auch vieles zu verunmöglichen. Es ist letztlich ein Bekenntnis zur romantischen Gestimmtheit. Den Romantikern wird ja gerne vorgeworfen, sie wollten alles mit Puderzucker bestäuben und sich das Hässliche schönsehen. Ja, und?!
Ich glaube, es war Proust, der einmal meinte, man solle die Liebe zu den schönen Frauen den fantasielosen Kerlen überlassen.
(Lacht schallend.) Sehr schön. Sehr schön!
Mich hat an Ihrem Roman gerührt, dass er diese Unbeholfenheit, das peinliche Berührtsein und die Scham nicht ausklammert. Wenn die Menschen nur mehr mit einsatzbereiten Geschlechtsorganen ineinanderstürzen, wär das doch auch eigenartig, oder?
Hier kann es ja nicht um Libidoökonomie gehen oder um die Anpirschtechniken junger, fescher Rüpel. Das hat nichts mit den charakterlosen Achtzigerjahren zu tun, in denen BWL- und Zahnmedizinstudenten nachgerade zu Idolen wurden und Mädels mit Pferdeschwänzen ihre Lust aus der Erniedrigung der sie begehrenden Männer bezogen. Der Ich-Erzähler liebt eben diese Frau. So. Er sehnt sich nach ihr, und damit fängt die Misere an.
Wobei die begehrte Frau, Tyra, in ihm zunächst nur den Mann sieht, der mit ihr ins Bett will, und sauer wird, wenn es dazu nicht kommt.
Am Anfang ist sie verärgert und abweisend. Ich meine, was soll das denn auch?! Da sucht sie einer in ihrer Kleinstadt auf und sagt: "Ich will dein Geliebter sein." Das ist natürlich ein bisschen happig. Aber dass er aus einem brennenden Verlangen heraus in ein Jenseits dieser zivilisierten Empfindungen geraten ist, ist doch gut. Was hätte er denn sonst machen sollen?
Und letztendlich entscheidet die Frau, ob man sich blamiert oder ob man erhört wird. Dann war's in Ordnung, obwohl man genauso gut als zudringlicher Depp hätte dastehen können.
Ganz genau. In "Liebesbrand" gibt es keine Seifenoper, keinen geordneten Rückzug, keine platonische Freundschaft – und letztlich keine Liebe. Er wird es nicht einsehen, aber es geht eben nicht.
Viele Rezensenten haben "Liebesbrand" auf eine Weise interpretiert, die mir nicht nachvollziehbar ist: Ihr zufolge ist die "eigentliche" Frau für den Protagonisten gar nicht Tyra, sondern Jarmila, und der hätte bloß ziemlich lange gebraucht, um das endlich zu begreifen.
Es kann doch gar nicht so sein, dass sich ein feurig Liebender nach vielen Etappen der Annahme und der Zurückweisung den Staub von den Kleidern klopft und sagt: "Ach, ja – da war doch noch eine andere." So ist der nicht angelegt. Man kann natürlich fragen, warum er die Gelegenheit genutzt hat, mit Jarmila ins Bett zu springen. Na ja, dazu kommt es halt. Aber ich habe keine Geschichte einer verfehlten und dann gefundenen Liebe geschrieben und keinen Entwicklungsroman. Lieben, die aufhören, ohne dass man das Ende wollte, sind immer ein kleiner Tod. Man geht da nicht als neuer Mensch hervor, sondern als einer, der heftig was auf den Deckel bekommen hat. Und wenn das Buch mit dem Satz "Dann, im schneidend kalten Wind – ich sollte gehen" endet, ist damit doch auf das Unbestimmte hingewiesen. Ob er nach Prag zu Jarmila oder heim nach Kiel geht, bleibt offen. Zunächst einmal ist er todtraurig.
Haben Sie denn gewusst, wie der Roman ausgehen wird, als Sie ihn zu schreiben begonnen haben?
Eigentlich nicht. Ich habe gegen meinen eigenen schlechten Geschmack angeschrieben, weil ich natürlich ein Happy End und einen Himmel voller Geigen bevorzugt hätte. Das ging aber nicht. Im wirklichen Leben bin ich ein Tölpel, aber beim Schreiben gelingt es mir, Geschichten mit einem Merkmal auszustatten, das mir nicht zu eigen ist: Subtilität.
Welche Rollen spielen denn die Schauplätze?
Erst dadurch, dass ich mir Prag und Wien angesehen habe und kilometerweit Strecken abgegangen bin, wurde mir klar, wie die Liebesgeschichte ausgehen würde. Ich wollte die Schauplätze nicht als bloße Kulisse begreifen. Prag und Wien passten einfach zu der Geschichte.
In einer Rezension ist von den "prachtvoll todessüchtigen, legendengesättigten Metropolen Mitteleuropas" die Rede. Das passt ganz gut zu dem Bild des Orientalen, der im reichen Fundus der Märchen und Mythen wühlt und das in der Kritik verlässlich auftaucht, sobald ein neues Buch von Ihnen erscheint.
Mit meinem Gesicht, meinem Namen und meiner Herkunft liegt das nahe. Wenn ich es abstreite und mich stattdessen auf den deutschen Minnesang berufe, hält es jeder für eine Schutzbehauptung. Ich kann auch das Wort "Bereicherung" nicht mehr hören – als wäre die einheimische Kultur arm und hätte keine eigene Tradition. "Identität", "Heimat", "Tradition" – das sind alles Seminaristenvokabel. Wenn man eine Geschichte erzählt, erzählt man auch immer etwas von sich und greift dabei auf seine wahren Wurzeln zurück. Und nach fast vierzig Jahren in Deutschland spielt die Kultur meiner Eltern keine besonders große Rolle. Aber wenn ich erkläre, dass ich Deutscher bin, beäugt man mich skeptisch und ist sich unsicher, ob ich nicht doch den undurchsichtigen Orientalen herauskehre.
Wie haben Sie sich denn in Wien zurechtgefunden, wo bekanntlich der Balkan beginnt?
Obwohl ich immer wieder, mal länger, mal kürzer, dort war, habe ich Wien immer noch nicht begriffen. Aber es hat geholfen, dass ich mich etwas hilflos und eingeschüchtert fühlte: von der Architektur, der Geschichtsträchtigkeit, von den Gerüchen und Gerüchten oder der Coolness der Menschen in den Cafés. Weil es dann auch noch so heiß war, habe ich mich immer wieder kalt geduscht, täglich dreimal das Hemd gewechselt und bin wieder raus. Und wenn man bei flirrender Hitze am Friedhof der Namenlosen steht, ist das schon zum Verrücktwerden: Ich wurde mit einem Schlag todtraurig.
Wohingegen man in Kiel offenbar ganz guter Dinge sein kann? Mehrfach ist in "Liebesbrand" vom Glück die Rede, in Kiel zu leben.
Kiel ist ein wunderbares Rückzugsgebiet, aber man muss es sich selbst erkämpfen, die Stadt hilft einem dabei nicht. Sie kann auch nix dafür, weil sie aufgrund der Präsenz der Reichskriegsmarine im Zweiten Weltkrieg fast ausradiert wurde. Und dann haben irgendwelche Idioten von Architekten Klötze aus Glasziegeln hochgezogen. Es ist keine schöne Stadt, und man muss viel dafür tun, damit man sich dort wohlfühlt. Es wurde mir sogar angeboten, nach Berlin umzuziehen. Aber nein, ich bin der Teichmolch an der Peripherie geblieben. Und wenn ich mit meinem kleinen Rollkoffer nach Berlin komme, heißt es bei Freunden und Bekannten: "Jetzt kommt der Onkel Horst aus Kiel." Ich hab die falschen Klamotten an, hab die falschen Ansichten und hör das falsche Zeug – das ist dann immer recht spaßig. Und wenn man es geschafft hat, in Kiel nicht unterzugehen, geht man auch in Krefeld nicht unter.
If I can make it there, I'll make it anywhere.
Genau.
Außerdem haben Sie in Kiel einen der besten "Tatorte" mit einem wunderbaren Kommissar.
Er hat einen großartigen Sinn für bösen Humor – so ist er auch in echt. Ich habe nämlich das Glück, mit Axel Milberg (dem Darsteller von Kommissar Klaus Borowski, Anm. d. Red.) gut befreundet zu sein. Er kam letzte Woche zu meiner Lesung in Kiel – gemeinsam mit der Psychologin aus dem "Tatort" (Frieda Jung, dargestellt von Maren Eggert, Anm. d. Red.) ...
Eine tolle Frau!
(Zustimmendes Verdrehen der Augen). Axel Milberg hat sich vor die Leute und dann auch die Kamera gestellt und gesagt: "Feridun Zaimoglu ist ein Star. Er ist ein Star!" Alle mussten lachen.

Klaus Nüchtern in FALTER 15/2008



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