Vergiss Ägypten

Barbara Frischmuth


Ich hätte es mir üppiger vorgestellt

Es gebe, sagt Barbara Frischmuth, in ihrem Leben zwei große Leidenschaften: Garten und Orient. Um Letzteren geht es in den jüngsten Büchern der österreichischen Autorin. In ihrem Roman "Vergiss Ägypten", der im heurigen Frühjahr erschienen ist, setzt sich Barbara Frischmuth, 67, mit den Veränderungen der ägyptischen Gesellschaft und der Frage auseinander, wie und ob Liebesbeziehungen zwischen Orient und Okzident funktionieren können. Ihr Sammelband "Vom Fremdeln und vom Eigentümeln" beschäftigt sich mit dem kulturellen Reichtum des Orients. Er analysiert das Wesen von Vor­urteilen und Ängsten gegenüber dem Fremden und beleuchtet das komplexe Verhältnis zwischen der Türkei und der EU ebenso wie die Lebenswirklichkeit islamischer Frauen abseits des Klischees.
Im Interview, das in Frischmuths Altausseer Haus mit Blick über ihren mehrfach literarisch bearbeiteten Garten stattfand, spricht die österreichische Schriftstellerin von ihrem Türkischstudium, von türkischen Geschichtstraumata und freiwilligen Kopftuchträgerinnen, von der ­Suche nach Fremdheit im Vertrauten und darüber, warum es keinen Sinn hat, über den Koran zu streiten.

Falter: In Ihrem neuen Essayband schreiben Sie an einer Stelle zum empfohlenen Umgang zwischen Europa und Türkei: "Lasst uns zu streiten beginnen!" Was ist damit gemeint?
Barbara Frischmuth: Ehrliche Diskussionen, nicht immer Stellvertreterkriege, in denen es um Islam und Christentum oder Ost und West geht: Welche Probleme gibt es mit Migranten, welche mit dem Rechtssystem der Türkei? Und bitte nicht die Attitüde "Wir, der wunderbare Westen" und "Was habt ihr denn zu bieten?". Diese Art von Kritik ist, wie der iranische Schriftsteller Navid Kermani sagt, immer affirmativ der ­eigenen Kultur und dem eigenen Stil ­gegenüber. Das muss man sich abgewöhnen. Zu einem Streit, wie ich ihn meine, gehören zwei informierte Partner.
Was ist denn die beste Informationsquelle über die Türkei?
Frischmuth: Sehr viel geht schon allein über die Literatur. Sie ist am besten geeignet, dieses "Von gleich zu gleich" herzustellen. Die Menschen sind nun einmal sehr ähnlich gemacht, und das, was uns unterscheidet, ist fast immer Kultur – und über die kann man reden. Da ist nichts Angeborenes dabei.
Wie sind Sie denn Ende der 50er-Jahre aufs Türkischstudium gekommen?
Frischmuth: Ich wollte mit meinem Studium einfach so nahe wie möglich an der orientalischen Literatur bleiben. Ursprünglich dachte ich an Iranistik, Judaistik oder Arabistik, aber in Graz an der Universität haben sie dazu gesagt: "Hamma nicht, hamma nicht, hamma nicht, aber bei den Dolmetschern gibt's Türkisch. Das ist ja auch eine Sprache von da unten."
War Ihr erster Türkeiaufenthalt 1960 dann ernüchternd oder genau so, wie Sie sich das in Ihren Fantasien vorgestellt hatten?
Frischmuth: Beides. Ich bin ja gleich nach Erzerum in Ostanatolien. Das war schon sehr anders. Von daher war ich nicht enttäuscht (lacht). Auf der anderen Seite war es halt nicht sehr prächtig. Ich hätte es mir orientalisch-üppiger und mit deutlich weniger Militär vorgestellt. Die städtische Kultur, die in den Märchen aus 1001 Nacht immer vorkommt, habe ich erst später kennengelernt.
In Ihrem letzten Roman tauchen viele mit orientalischen Männern verheiratete Europäerinnen auf. Kennengelernt haben sie die in den 60er-Jahren, als die Männer in Europa zum Studium waren. Gab es für Sie damals auch eine solche Option?
Frischmuth: Ja, ich war in der Türkei verlobt, mit einem wunderbaren Menschen, doppelt so alt wie ich und Militärarzt. Nur war ich da noch so jung, 19 nämlich, dass mich sofort die Panik ergriffen hat, als ich wieder zu Hause war. Ich war noch nicht bereit zum Heiraten und Kinderkriegen, ich wollte vor allem schreiben.
Ein echter Romanstoff! Was sind denn die großen Themen der türkischen Literatur?
Frischmuth: Wie in allen Literaturen: Liebe, Tod, Gesellschaft, Krieg. Und der Konflikt Stadt–Land spielt eine große Rolle. Wenn man so will, sind Yasar Kemal und Orhan Pamuk die zwei Pole: Kemal kommt vom Land und schreibt übers Land. Er gehört jener Generation an, die noch stark aus der Poesie der mündlichen Überlieferung geschöpft hat. Orhan Pamuks Literatur ist städtisch: Ursprünglich hat ihn nur das Leben in Istanbul interessiert. Weil er aber ein so guter Autor ist, kam er zur Einsicht, dass das nicht reicht, wenn er die Türkei in ihrer Gesamtheit erfassen will. Sein Roman "Schnee" geht in diese Richtung.
Was macht die Türkei für Sie so reizvoll?
Frischmuth: Die Vielfalt. Die Türkei ist eine Studie sozialer Aufstiegsmöglichkeiten. Viele Dinge passieren gerade jetzt, vor allem das Erwachen Anatoliens zu einer eigenen Identität, die das Land fast sprengt. Bisher hat man sich in der Türkei damit nicht sehr viel beschäftigt. Die Anatolier waren die Bauern. Das Sagen hatten die Kemalisten, sprich die städtischen Eliten, die allerdings in den letzten Jahrzehnten ziemlich nachgelassen haben.
Inwiefern?
Frischmuth: Die mehr oder weniger bürgerlichen Regierungen der letzten Jahrzehnte haben größtenteils für ihre eigenen Pfründe gearbeitet. Inzwischen haben sich Millionen von Menschen emanzipiert, sind in die Städte eingedrungen, arbeiten dort, führen Geschäfte und bilden plötzlich eine Art Mittelschicht, die anders ausschaut als die westlich orientierte kemalistische. Die neue Mittelschicht arbeitet aber genauso mit westlichen Mitteln. Computer machen ja nicht halt vor einem Kopftuch oder einem Bart.
Sie schreiben, dass das Wiedererstarken des Islams eine tiefe Kluft quer durch die Türkei schlägt. Stehen diese beiden erwähnten Bevölkerungsgruppen einander
da gegenüber?
Frischmuth: Ja, auch wenn ich mir nicht so sicher bin, ob die Anatolier alle so gläubig und fromm sind. Aber ihre Identität ist islamisch – in Abgrenzung vom Westen, von dem sie sich noch weniger wahrgenommen fühlen als von den eigenen Eliten. Der Islam ist da etwas Eigenes, aus dem sich Selbstbewusstsein schöpfen lässt.
Was bedeutet das aus politischer Sicht?
Frischmuth: Das ist schwer zu sagen. Gesehen hat man Folgendes: Viele Intellektuelle, die mit der in sich verknöcherten, kemalistischen Politik nicht mehr allzu viel am Hut hatten, haben Recep Erdogan von der islamistischen AKP gewählt. Interessanterweise hat die Intellektuellen an den Islamisten deren moderne, stadtplanerische Seite interessiert und vor allem die Tatsache, dass sie nicht so nationalistisch waren wie viele Kemalisten.
Die Kemalisten sind nationalistischer als die Islamisten?
Frischmuth: Oft genug. Das hat auch viele dazu bewogen, den gemäßigten Islamisten Erdogan zu wählen. Natürlich immer mit der Auflage, dass er in dem Moment, in dem er einen Fehler macht, wieder abgewählt wird. Ich habe das Gefühl, dass Erdogan und Staatspräsident Abdullah Gül jetzt zu weit gegangen sind. Sie wollten ihre Macht zu schnell etablieren. Das macht böses Blut und lässt sie auch viele moderne, junge Leute, die keinem Dresscode gehorchen und sich um den Islam gar nicht kümmern, wieder verlieren.
Was wird denn aus diesem heiklen Gebräu?
Frischmuth: Ich weiß es nicht. Ich versuche nur beide Seiten zu sehen und nicht hereinzufallen auf "Kein Kopftuch ist gleich europäisch denken und Menschenrechte anerkennen". Das stimmt so nicht. Die Anklage nach Paragraf 301 – Beleidigung des Türkentums – ist keine Erdogan-Erfindung.
Steht die Türkei steht an einem Scheideweg?
Frischmuth: Ich glaube, ja.
Sie vergleichen den Zerfall des Habsburgerreichs mit dem Zerfall des Osmanischen Reichs.
Frischmuth: Beide wurden ungefähr gleich lang von jeweils einer Dynastie regiert. Sie gingen etwa zur selben Zeit zugrunde. Ich würde mir eine vergleichende wissenschaftliche Studie dazu wünschen, wie beide Reiche mit ihren Minderheitenproblemen umgegangen sind. Bei uns hat das zwei Weltkriege gebracht! Wenn man das berücksichtigt, sieht man die türkische Problematik vielleicht ein bisschen anders. Da geht es nicht um Entschuldungen …
… zum Beispiel für den Völkermord an wahrscheinlich über einer Million Armeniern in der Zeit des Ersten Weltkriegs?
Frischmuth: Ich setze mich immer in die Nesseln, weil ich davon auch in Diskussionen mit Türken nicht abgehe. Nein: Es geht darum, wissenschaftlich zu ermitteln, in welcher Weise zerfallende Imperien mit­einander vergleichbar sind. In mancher Hinsicht sind natürlich auch der Nationalsozialismus und der türkische Nationalismus vergleichbar.
Ging der mit ähnlichem Rassismus einher?
Frischmuth: Nein, der mitteleuropäische Rassismus war ein biologischer, während der türkische Nationalismus ein kultureller ist. In dem Moment, in dem sich jemand zur türkischen Sprache, Kultur und Politik bekannte, war es völlig egal, ob er Armenier, Grieche oder sonst etwas war. Das müsste man herausarbeiten, dann würde man auch sehen, um wie viel brutaler Deutsche und Österreicher mit den Schwierigkeiten ihrer Nationswerdung umgegangen sind.
Sollten solche Vergleiche die Gespräche über Islam und Terrorgefahr ersetzen?
Frischmuth: Was sollen denn all diese Islamdebatten? In meinen Augen kann man das abhaken. Wozu sich über Bücher streiten, die tausende Jahre alt sind und deren Sprache missverständlich und dunkel ist?
Aber es wird darüber gestritten.
Frischmuth: Das ist müßig. Zu streiten ist über die Gegenwart und ihre Geschichte, aber doch nicht über die Frage, was der Koran verbietet oder erlaubt. Da sind vor allem Historiker, Politikwissenschaftler, Sozial- und Kulturgeschichtler gefragt. Wenn ich nicht ständig mein Kopftuch, meine fünf Gebetszeiten oder mein Verbot von vorehelichem Sex verteidigen muss, sondern zum Beispiel einmal darüber diskutieren kann, wie schwer die Umstellung der Schrift und der Sprache waren, wäre viel gewonnen!
Sprechen Sie von den Türken der ersten und zweiten Gastarbeitergeneration im Ausland?
Frischmuth: Nein, vom Jahr 1928 in der Türkei, als Kemal Atatürk von einem Tag auf den anderen die arabische Schrift abgeschafft hat. Alles musste plötzlich in Lateinschrift geschrieben werden. Das muss man sich einmal vorstellen: Eine ganze Generation wurde da von heute auf morgen von ihrer Tradition abgeschnitten und konnte die eigene Literatur nicht mehr lesen! 1932 wurde dann die türkische Sprachakademie gegründet, die damit beschäftigt war, die türkische Sprache zu retürkifizieren – und zwar in größtmöglichem Ausmaß. Das Osmanische, das bis dahin verwendet worden war, bestand ja zu zwei Dritteln aus arabisch-persischen Lehnwörtern. Für diese wurden jetzt neue, türkische Sprachformen gesucht. Wichtige Autoren haben damals ihre Romane auf Neutürkisch noch einmal geschrieben.
Mit Erfolg?
Frischmuth: Man hat versucht, alles neu zu machen, aber die Literatur als solche war ziemlich hartnäckig. In den letzten 20 Jahren hat sie sich viel von dem alten osmanischen Sprachmaterial zurückgeholt, weil die neutürkischen Worte gar nicht den Bedeutungsradius der traditionellen, gewachsenen Begriffe haben.
Finden Sie die mythologische Quelle, nach der Europa seinen Namen von einer orientalischen, um genau zu sein, von einer phönizischen Prinzessin hat, besonders symbolkräftig?
Frischmuth: Wenn wir nur ein bisschen an unserer Kultur kratzen, stellen wir fest, wie viel wir übernommen haben. Mit den paar Pflanzen, die wirklich bei uns heimisch sind, könnten wir keinen Garten machen. Und so ist es in allem – bis zu Dante und zu unserem Sprachmaterial: von Pyjama, Buchteln und Khaki, die aus dem Persischen kommen, bis zu Alkohol und Zucker, die aus dem Arabischen stammen.
Wie sollten denn die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei am besten ablaufen?
Frischmuth: Ohne dass schon vorher gesagt wird, dass sie nie in eine Vollmitgliedschaft, sondern höchstens in eine privilegierte Partnerschaft münden sollen. Wenn es Punkte gibt, wo man zu keiner Einigung kommt, dann können die Türken eben nicht beitreten. Solange sie aber bereit sind, die Standards, die auch wir erfüllen mussten, zu akzeptieren, sollte ohne Einschränkungen verhandelt werden.
Was meint man eigentlich, wenn man aus der Perspektive des Orients vom Okzident spricht? Europa oder nur mehr die USA?
Frischmuth: Europa nicht mehr unbedingt. Die USA führen zu viele Kriege in diesen Weltengegenden.
Das, glauben Sie, ist der Grund? Nicht die Durchdringung mit amerikanischer Alltagskultur?
Frischmuth: Natürlich auch – aber von der sind ja wir genauso durchdrungen. Auch wenn Europa draufsteht, ist ja sehr oft Amerika drin.
Wie ist denn der türkische Blick auf Europa?
Frischmuth: Den einen Blick gibt es nicht. Es gibt verschiedene. Das Komische ist ja, dass die westlich orientierten Kemalisten gar nicht so scharf auf Europa sind, weil sie ein EU-Beitritt viele ihrer Privilegien kosten würde. Sie müssten viele Gesetze ändern, die sie nicht ändern wollen – zum Beispiel einige zum Schutz der Nation. Es war die islamistische Regierung in der Türkei, die zum ersten Mal Druck gemacht hat, nach Europa zu kommen, und in kürzester Zeit viele Änderungen – auch Gesetzesänderungen – durchgesetzt hat, die davor nicht möglich waren. Die Türkei ist auch nur bedingt ein muslimisches Land, weil sie ja laizistisch und säkularistisch ist. Damit steht sie sowieso schon ziemlich einzigartig da.
Ist das mit Europa vereinbar?
Frischmuth: Ich glaube schon, aber unproblematisch ist es sicher nicht, denn es gibt schon auch diesen extrem islamistischen Bevölkerungsanteil in der Türkei, der bis zur Aggressivität hin konservativ ist.
Sie schreiben, dass die Islamisierung für Frauen der zweiten Generation muslimischer Zuwanderer einerseits einen Rückschritt in Sachen Emanzipation bedeute, andererseits eine Chance darstelle, sich der Ethnisierung – sprich dem stigmatisierenden Gastarbeitermilieu – zu entziehen.
Frischmuth: Ja. Das wird kaum wahr­genommen: Durch ihre eigene radikale ­Islamisierung emanzipieren sich diese freiwilligen Kopftuchträgerinnen von ihren männlichen Familienmitgliedern. Das strengere Einhalten der islamischen Regeln ist quasi das Ticket zur Selbstständigkeit. In Deutschland und auch in Österreich gibt es dazu sehr interessante Studien, die nicht ins Schwarzweißschema passen.
Ihre persönliche Initiierung in die Welt der Bücher als Kind fand über die "Märchen aus 1001 Nacht" statt?
Frischmuth: Als ich zehn Jahre alt war, habe ich eine purgierte Ausgabe von "1001 Nacht" bekommen – mit dem Zauberpferd vorne drauf. Ich war hin und weg und habe mir in die Bergwelt von Altaussee, wo ich aufgewachsen bin, orientalische Reiche hineinfantasiert. Es war das total Andere, das so ungeheuer auf mich gewirkt hat, der Kontrast zwischen Vertrautheit und Fremdheit. Es gibt heute noch Blickwinkel in Aussee, von denen ich das Gefühl habe, dass sie ganz fremd sind. Hinten am See gibt es eine Uferstelle mit Kiefern, die fast mediterran wirkt. Ich habe immer danach gesucht, dass mir etwas Fremdes vertraut oder etwas Vertrautes fremd vorkommt.
Altaussee und Istanbul: Das sind Ihre Kontraste.
Frischmuth: Das ist für mich genau die richtige Bandbreite, und ich komme auf sehr ­viele Gemeinsamkeiten: Nehmen Sie nur einmal die Liebe zur Volksmusik, die in Aussee genauso stark ausgeprägt ist wie in der Türkei. Es ist wichtig, dass man so unterschiedliche Ausgangspunkte hat, um überhaupt einen Blick auf die Welt zu bekommen. Ich hab nie das Gefühl, dass mir in diesem Gemisch irgendetwas völlig fremd wäre. Und was mir fremd ist, ist oft schon eine Ästhetisierung und entspringt dann dem Wunsch nach Fremdheit.

Julia Kospach in FALTER 42/2008



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×