Das dunkle Schiff

Sherko Fatah


Unter Gotteskriegern

Die Gewalt kommt unvermittelt und erbarmungslos. Es ist ein schöner Sommertag in der Stille der Berglandschaft. Ein paar alte Frauen sammeln Kräuter, lachen und rufen sich etwas zu. Ein kleiner Bub beobachtet sie aus der Ferne. Er bemerkt als Erster den Hubschrauber, der ins Tal fliegt, und winkt den Soldaten zu, bevor sie zur Landung ansetzen. Die Frauen werden zum Einsteigen gezwungen, und während der Bub sich vergeblich wünscht mitzufliegen, hebt der Hubschrauber auch schon wieder ab. Und dann fallen sie heraus, eine nach der anderen: "Mit ausgebreiteten Armen glänzten sie auf im Licht, und wie um sie aufzuhalten, riss an ihren Gewändern der Wind."
Die Schönheit und der Schrecken des Augenblicks liegen dicht beieinander in dieser Prosa, die durch ihre präzise Beiläufigkeit und ihre epische Wucht besticht. Sherko Fatah erklärt die Szene nicht, die er seinem dritten Roman, "Das dunkle Schiff", vorangestellt hat, so wie er auch später nichts kommentiert und wertet, sondern ganz dem Erzählen vertraut. Doch es wird rasch klar, dass es sich um eine Momentaufnahme aus dem Irak Saddam Husseins handelt, als das Militär aus purer Langeweile tötete: Terror als Zeitvertreib und zur Einschüchterung der kurdischen Bevölkerung. In dieser Epoche setzt der Roman ein. Er schildert die Lebensgeschichte des jungen Kerim, der wie sein alevitischer Vater Koch lernen soll, dann aber – nachdem Geheimdienstleute den Vater vor seinen Augen getötet haben – von den Gotteskriegern der Peshmerga entführt wird und sich von ihnen rekrutieren lässt. Er lebt bei ihnen in einem Lager im kurdischen Bergland. Doch bevor er als Selbstmordattentäter ausgewählt wird, gelingt ihm die Flucht.
Das titelgebende Mittelstück zeigt Kerim als blinden Passagier, der versucht, im Frachtraum eines Schiffes nach Europa zu gelangen. Die Überfahrt endet als echte Robinsonade auf einem einsamen Felsen. Gerade diese Episode aber, die neben den bestürzend realistischen Kriegsereignissen wie eine überdrehte Erfindung wirkt, beruht auf realen Ereignissen. Im dritten Teil verwandelt sich "Das dunkle Schiff" in einen Großstadt-, Liebes- und Exilroman. Kerim kommt nach Berlin, wo er bei einem Onkel wohnt. Doch sein Abstand zur westlichen Welt ist zu groß, als dass er hier heimisch werden könnte. Die Gewalt, der er entkommen wollte, lässt ihn nicht los. Seine Vorstellungen von Liebe und Zusammenleben passen nicht zu denen einer selbstbewussten Berliner Studentin. Er erlebt die Einsamkeit des Exils und zum ersten Mal auch die heimatstiftende Kraft der Religion, die zuvor, bei den Gotteskriegern, eher einen ritualhaften Charakter hatte.
Fatah wurde 1964 in Ost-Berlin als Sohn eines Kurden und einer Deutschen geboren und wuchs in der DDR auf, bis die Familie Mitte der Siebzigerjahre in den Westen übersiedelte. In West-Berlin studierte er Philosophie und Kunstgeschichte. Der Irak aber blieb ein ständiger Bezugspunkt. Sein Vater ist dorthin zurückgekehrt. Auch für "Das dunkle Schiff" hat Sherko Fatah das Land bereist und mit Menschen gesprochen, die gegen die Gotteskrieger kämpften oder Verwandte haben, die sich ihnen anschlossen. Mit Terroristen in irakischen Gefängnissen zu sprechen, erwies sich als sinnlos, weil von ihnen nicht viel mehr als Propaganda zu erfahren war. Der Roman, den Fatah so spannend erzählt wie einen Abenteuerroman (und der es zu Recht auf die Shortlist des Leipziger Buchpreises schaffte), liest sich andererseits so wirklichkeitsnah, dass man glaubt, der Autor hätte selbst am Kampf teilgenommen und den Krieg aus der Nahperspektive miterlebt.
Es ist eine beklemmende, atemraubende Lektüre. Fatah widersteht der Versuchung, die islamistischen Fundamentalisten als ungebildete, bärtige Schreckensgestalten zu zeichnen, versucht vielmehr, ihr Denken, ihre Weltsicht, ihre Erfahrungen und ihr Handeln überhaupt erst begreifbar zu machen. Der Erzähler ist dabei, wenn der Trupp sich in einer Höhle versteckt, während amerikanische Flugzeuge Bomben abwerfen. Dem "Lehrer" – einer schillernden Gestalt, die Religiöses und Ideologisches überzeugend vorzutragen vermag – ist nicht zu widersprechen, wenn er sagt: "Versteht doch, sie haben uns nichts gelassen außer dem Krieg." Nur einer der Gotteskrieger ist ein blutrünstiger Killer – er ist gerade aus Afghanistan zurückgekehrt.
Kerim selbst ist bloß ein Mitläufer, aber doch einer, der bereit ist, an Attentaten mitzuwirken. Er ist nicht prädestiniert dazu, Gewalt auszuüben, aber er hat auch nicht die Kraft, sich dagegen zu wehren. Er ist Täter und Opfer. Fatah geht es um die Verstrickung des Einzelnen und um den Verlust der Entscheidungsfähigkeit. Kerims Geschichte beruht auf Zufällen und nicht auf geplanten Handlungen. Deshalb ist "Das dunkle Schiff" auch kein Roman über islamischen Fundamentalismus, sondern eine Geschichte über die Schwierigkeit des Erwachsenwerdens und die Verführbarkeit des Menschen.

Was Kerim bei den Gotteskriegern erlebt und gesehen hat, wird erst nach und nach enthüllt. Die schrecklichsten Szenen erzählt Fatah im Rückblick, wenn Kerim schon in Berlin lebt. Die Bilder von zerfetzten Körpern lassen ihn nicht los. Fatah geht bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus. Er zeigt die Gewalt und ihre Folgen mit drastischer Genauigkeit, ohne dabei aber jemals ins bloß Sensationsheischende abzudriften. Das hat mit der ruhigen Kraft seiner Sprache zu tun und mit der nie nachlassenden Anteilnahme, die er seinen Figuren entgegenbringt. Mit ihm kommt ein neuer, eigener Ton in die deutsche Literatur. Migration, Exil und das Verhältnis von westlicher und orientalischer Welt rücken bei Sherko Fatah aus dem biografischen "Hintergrund" in den literarischen Vordergrund. "Ich versuche, Distanz zu schaffen zwischen mir und dieser Herkunft und diese Distanz literarisch fruchtbar zu machen", sagt er. Mit seinem jüngsten Roman ist ihm das auf eindrucksvolle Weise gelungen.

Jörg Magenau in FALTER 14/2008



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