Warum wurden die Stanislaws erschossen?. Reportagen

Martin Pollack


Spurensuche

Der Titel des neuen Bandes von Martin Pollack, "Warum wurden die Stanislaws erschossen?", ist Programm, denn viele der "Momentaufnahmen", wie Pollack seine Reportagen im Vorwort nennt, werfen mehr Fragen auf, als sie Antworten geben. Obwohl "zufällig ausgewählt, willkürlich beinahe", geben die Texte aus einem Vierteljahrhundert ein Bild zweier Epochen, die noch keinen Abschluss gefunden haben: die eine, mit dem Fall der kommunistischen Regimes beginnend, dauert noch an; und die Zeit der Nazi-Schreckensherrschaft bleibt in den Köpfen der Menschen präsent.
Die Themen spannen sich, stets ausgehend von eigenen Erfahrungen, Reisen oder Eindrücken, von den Gräueln und Nachwehen des Nationalsozialismus in Österreich über Pollacks Studienaufenthalte in Warschau während der Sechziger- und Siebzigerjahre bis zu Recherchen in osteuropäischen Randregionen und
-gruppen, aber auch zu österreichischen Minderheiten.
Den Beginn des Zusammenbruchs des Kommunismus datiert Pollack ganz subjektiv auf den 18. August 1980, als er bei der Einreise nach Polen eine erste Nervosität der sonst so überlegenen Beamten zu spüren bekam. Ebenso persönlich sind auch viele andere Reportagen angelegt. Etwa wenn Pollack die Bilderbuchkarriere des SS-Führers Rolf-Heinz Höppner, Paradebeispiel eines reueresistenten, bedrückend vitalen Täters, der schon vor Beschluss der "Endlösung" eine Formel des Vernichtungslagers entwickelte, mit der seines Vaters vergleicht, dem er sich bereits 2004 in dem Bericht "Der Tote im Bunker" anzunähern versuchte.
So schreibt man Geschichte, die nicht nur einen selbst, sondern auch andere angeht, um nicht zu sagen anrührt – wie etwa das Schicksal der titelgebenden Stanislaws, zweier polnischer Zwangsarbeiter, deren Grab Pollack im burgenländischen Bocksdorf entdeckte und die, integriert in Familie und Dorfgemeinschaft, am Ende des Krieges aus bis heute ungeklärten Gründen von der russischen Besatzung getötet wurden. Oder der namenlosen Menschen auf den Amateurfotografien, die vermutlich von einem Wehrmachtssoldaten in Polen aufgenommen wurden. Nach ihnen lohnt es sich zu fragen, auch wenn Antworten rar sind.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 14/2008



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×