Die Kosmonautin

Jo Lendle


Die Erde ist zu klein, um ihr nicht entkommen zu wollen. Jo Lendle, im Hauptberuf Verlagslektor in Köln, erzählt in seinem ersten Roman von einer Frau, die sich auf eine ungewöhnliche Reise begibt. Ihr Ziel ist der Mond. Sie unternimmt dieses Abenteuer stellvertretend für ihren bei einer Demonstration tödlich verunglückten Sohn, um damit dessen größten Wunsch doch noch Wirklichkeit werden zu lassen. Eine Reise zur Trauerbewältigung, als Flucht und Loslösung: Mit dem Auto fährt sie immer weiter ostwärts, durch endlose, sanft gewellte Landschaften, wo ihr am Straßenrand seltsame Menschen begegnen. Da steht zum Beispiel ein schweigsamer Hirte mit einer Kuh, der ihr frischgemolkene Milch anbietet, während hinter ihnen der Mond aufgeht.
Lendle kontrastiert das ewig Archaische geschickt mit technologischen Visionen, die alt und rostig geworden sind. Diesen Eindruck macht jedenfalls die Raketenstation in der kasachischen Steppe, in der die Kosmonautin einige Wochen verbringen muss. Sie verliebt sich, aber auch die Liebe kann sie nicht mehr zurückhalten. Raum und Zeit erfahren schon auf der Erde seltsame Verschiebungen. Der schön ruhig erzählte Roman spielt in einer Zukunft, in der Weltraumreisen möglich sind, wirkt aber wie eine Reise in die Vergangenheit. Wer in den fernen Osten kommt, muss sich in der Ortlosigkeit zurechtfinden. Weltall und Mond können da dann auch nicht mehr erschrecken.

Jörg Magenau in FALTER 14/2008



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