Sieben Seiten der Wahrheit

Elliot Perlman, Matthias Jendis


"Wir sind der Frosch"

Es ist schwer, sich Elliot Perlman bei einem Wortgefecht im Gerichtssaal vorzustellen. Er spricht sehr leise und langsam – allerdings auch präzise. Wenn ihm eine Aussage nicht treffend erscheint, beginnt er den Satz neu. Perlman ist studierter Rechtswissenschaftler und hat in seiner australischen Heimat als Anwalt gearbeitet, ehe er auf die Literatur umsattelte und nun seit fünf Jahren als freier Schriftsteller lebt. Er setzt die reiche Tradition schreibender Juristen bzw. juristisch geschulter Autoren fort, die von Michel de Montaigne über Goethe, Grillparzer und Kafka bis zu Louis Begley oder, hierzulande, Peter Rosei reicht.
Wie die Kollegen hat natürlich auch der 44-Jährige aus Melbourne schon vorher geschrieben. "Die Literatur kam zuerst, und sie ist bis heute meine größere Leidenschaft", erzählt er beim Falter-Gespräch im nachgerade surreal kitschigen k.u.k.-Ambiente des Hotels Kaiserin Elisabeth. Sein 2003 im Original veröffentlichter Roman "Sieben Seiten der Wahrheit", der von einem merkwürdigen Fall von Stalking handelt und soeben auf Deutsch erschienen ist, datiert in Vorstufen zurück bis in die frühen Neunzigerjahre. "Ich habe damals das erste von sieben großen Kapiteln geschrieben, befürchtete jedoch, dass ich mich mit dem Projekt übernehmen könnte, weil ich zuvor noch keinen Roman geschrieben hatte. Also habe ich den Text erst einmal in einer Schublade verstaut."
Erschienen ist das Werk unter dem Titel "Seven Types of Ambiguity" dann erst als Perlmans drittes Buch. In der Zwischenzeit verfasste er seinen weitaus schlankeren Debütroman ("Three Dollars") und einen Band mit Kurzgeschichten ("The Reasons I Won't Be Coming"). Dann erst fühlte er sich fit genug, sein Großprojekt voranzutreiben: "Das Schreiben eines so umfangreichen Romans ist mit einer sportlichen Anstrengung vergleichbar. Es fühlte sich an wie ein Marathon. Ich musste mir erst die nötige Ausdauer antrainieren."
Man könnte das Buch freilich auch als literarischen Siebenkampf begreifen. Der Autor schlüpft in jedem Abschnitt in die Haut einer anderen Figur. Aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet er, wie massiv sich ein an sich nicht spektakulärer Entführungsfall auf die Leben verschiedener Menschen und ihre Beziehungen zueinander auswirkt. Eine reizvolle Konstruktion, die weniger dem literarischen Experiment geschuldet ist als der Suche nach Wahrheit und am Ende konsequenterweise dem Leser den Ball zuspielt: "Was halten Sie davon?"
Die Geschichte beginnt mit einem Seelendoktor, der von einem Elternpaar beauftragt wird, dessen erwachsenen Sohn zu untersuchen: Simon ist Ende zwanzig und war einmal ein aufgeweckter Student und leidenschaftlicher Lehrer. Dann wurde sein Job gestrichen und seine große Liebe verließ ihn. Nun hockt er zuhause auf der Couch, philosophiert vor sich hin und trinkt. Die Gesprächsstunden bei Dr. Klima bauen ihn wieder auf, seine Motivation zielt jedoch in die falsche Richtung. Der herzensgute Tollpatsch beginnt seiner inzwischen verheirateten Flamme nachzustellen und entführt ihren kleinen Sohn – freilich nur für einen Spiele- und Fernsehnachmittag.
"Simon ist eine heroische und lächerliche Gestalt", meint dessen Erfinder. "Mir ging es darum, in ihm den heute herrschenden Konflikt zwischen Idealismus und Pragmatismus, zwischen Altruismus und Eigeninteresse anzusprechen. Wenn jemand wie Simon altruistisch handelt, gilt er schnell als verdächtig und als Fall für die Psychiatrie. Das ist meines Erachtens eine Folge der Globalisierung und des wirtschaftlichen Fundamentalismus, den ich noch gefährlicher finde als den religiösen." Perlman denkt ähnlich wie sein Held und versteht Simon als "eine extreme Version von mir, die bis zur Selbstzerstörung nach ihrem eigenen moralischen Kompass handelt."
Dennoch besteht kein Zweifel daran, dass Simons Erzählung ebenso emotional gefärbt ist wie jede der sechs anderen. Neben ihm als dem Herz des Romans und Klima als gutem Geist kommt auch noch die Exgeliebte Anna und deren tragikomischer Ehemann Joe zu Wort, einer von dessen Arbeitskollegen, eine durch und durch altruistische Hure sowie Klimas Tochter. Die teils drastischen Abweichungen zwischen ihren Darstellungen führen schön vor Augen, wie sich jeder Mensch seine eigene Version einer Geschichte zusammenreimt.
Seine juristische Arbeit habe den Roman stark beeinflusst, erklärt Perlman: "Die meisten Verurteilungen kommen nicht – wie im Fernsehen – aufgrund forensischer Untersuchungen und DNA-Spuren zustande. Meist geht es darum, dass Geschworene die Beziehungen zwischen zwei oder mehr Menschen interpretieren müssen. Die Urteilsfindung basiert auf verschiedenen Erzählungen. Wer erzählt die Wahrheit?"

Als Autor geht es dem Australier nicht allein um den Prozess der Wahrheitsfindung, er will auch eine Botschaft transportieren – wie er erst auf Nachfrage zugibt: "Die Menschen wollen ja unterhalten und nicht belehrt werden. Aber wenn man eine gute Geschichte und interessante Figuren hat, dann kann man auch soziale Überlegungen einflechten." Diese drehen sich bei dem "altmodischen Linksliberalen" um die Kälte der globalisierten Welt. Oder Hitze: "Dem Mittelstand geht es wie einem Frosch in einem Topf mit kochendem Wasser. Er ist reingesprungen, als es noch lauwarm war. Dann hat jemand den Herd aufgedreht. Der Frosch sind wir. Die Regierungen haben aufgehört, als Puffer zwischen den Menschen und den Märkten zu agieren. Es gibt keine Sicherheiten mehr. Von dieser Perspektive gehen meine Bücher aus."
Leider haben sich in den Details einige Unstimmigkeiten in den unzeitgemäß engagierten Roman eingeschlichen. Das Lektorat – in diesem Punkt ist "Sieben Seiten der Wahrheit" nur allzu modern – dürfte den Text lediglich überflogen haben. So übt Dr. Klima im Laufe des Romans vom Psychiater über den Psychologen bis zum Psychoanalytiker so ziemlich alle Berufe aus, die mit Seelenschau zu tun haben. Solche begrifflichen Unschärfen schaden einem Text, der zum genauen Hinschauen anregt. Die Leistung der erzählerischen Anstrengung wird dadurch aber nur geringfügig geschmälert. Und das Urteil fällt im Zweifel für den Autor aus.

Sebastian Fasthuber in FALTER 13/2008



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