Feuchtgebiete

Charlotte Roche


Madonna ist erbärmlich

Interview:
Charlotte Roche hat mit ihrem Debüt "Feuchtgebiete" den Skandalroman der Saison vorgelegt, bloß, der Skandal blieb aus. Stattdessen hat das Buch, das vom Verlag, bei dem es ursprünglich erscheinen sollte, als "pornografisch" abgelehnt wurde, ein ungeheures, überwiegend positives Medienecho ausgelöst. Im Rahmen der Leipziger Buchmesse absolvierte die freundliche und ausgesprochen adrett auftretende Autorin gleich mehrere Auftritte. Unmittelbar vor dem Interview mit dem Falter war sie am Stand ihres Verlages von einem Lehrer angesprochen worden, der die "Feuchtgebiete" gerade im Literaturunterricht durchnimmt.

Charlotte Roche: Haben Sie das eben gehört? Der nimmt in der 13. Klasse mein Buch durch? Das kann doch nicht wahr sein!
Falter: Ab welchem Alter würden Sie's denn freigeben?
Ab 21.
Ihre Protagonistin ist doch erst 18!
Ich weiß. Aber die hat's faustdick hinter den Ohren.
War es schwer, sich in eine 18-Jährige hineinzuversetzen?
Nein, ich war schon so ähnlich. Diese ganzen Spielchen habe ich auch gemacht.
Wildfremden Passanten die Brillen zu zerdeppern?
In der Altstadt von Mönchengladbach.
Das ist doch kriminell.
Ja.
Sie sind nie erwischt worden?
Nein. Ich habe es aber auch schnell wieder aufgegeben. So was ist ja anstrengend.
Würden Sie denn gerne wieder 18 sein?
Nein.
Ihre Tochter ist noch viel jünger. Passen Sie denn auf, dass die die "Feuchtgebiete" nicht in die Finger kriegt?
Die fängt heuer zu lesen und zu schreiben an, das Buch wird zuhause auf jeden Fall versteckt, ist doch klar.
Und Sie würden auch an keiner Schule lesen?
Schullesungen sind eher uncool. Ich hatte auch junge, progressive Lehrer, die im Religionsunterricht Texte der Toten Hosen durchgenommen haben. Die Toten Hosen waren für mich dann natürlich gestorben. Der Lehrer nimmt das, was eigentlich für die Jüngeren da ist – find ich nicht gut.
Ist es denn gut, wenn alle immer nur unter ihresgleichen bleiben – altersmäßig?
Ich langweile mich mit Gleichaltrigen sehr schnell und finde es gruselig, wenn man in Berlin Mitte in ein Café kommt und alle zwischen zwanzig und dreißig sind. Ekelhaft! Ich hatte immer Partner, die älter, manchmal sogar viel älter waren als ich. Und die haben wieder Freunde, die noch älter sind. Es macht mich stolz, dass ich Fünfzig- und Sechzigjährige zu Freunden habe.
Wie viele gefühlte Interviews haben Sie eigentlich schon hinter sich?
Tausend. Aber das geht schon. Es macht viel mehr Spaß, über etwas Eigenes zu reden als über eine Fernsehsendung.
Gibt's denn eine Frage, die man Ihnen nicht mehr stellen darf?
Nee.
Gibt's eine, die immer kommt?
Ja: "Wie viel davon ist echt?"
Aber das haben Sie doch schon geklärt: siebzig Prozent.
Ja, ja. Aber manchmal sage ich auch: zwanzig Prozent.
Und was sagen Sie heute?
Halbe-halbe.
Gibt es denn Leute, die Ihr Buch als reinen Erfahrungsbericht lesen?
Ja. Das merkt man bei den Lesungen: Je weniger belesen ein Publikum ist, umso mehr hat es Probleme damit, Fiktion und Realität auseinanderzuhalten. Leute, die mit Literatur zu tun haben, interessiert das kein Stück.
Die geben's bloß nicht zu.
Gut, aber sie fragen halt nicht und können stundenlang über ein Buch reden.
Haben Sie literarische Vorbilder?
Ich bin sehr unbelesen. Leider. Seit der Geburt meiner Tochter habe ich ein einziges Buch geschafft: "Der große Gatsby" – ich habe fünf Jahre dafür gebraucht.
Wie sieht denn Ihr Publikum aus?
Zum Glück sind viele junge Frauen da und weniger ganz alte Männer.
Das würde Sie stören?
Nee, aber dann wäre es doch klar, dass das Buch falsch aufgefasst wird – also nur als Wichsvorlage. Und das fände ich ein bisschen traurig.
Aber es darf schon auch sein?
Auch – unbedingt, gerne. Die Männer trauen sich viel eher zu sagen: Da sind aber schon auch ganz schön tolle Stellen drin, wo man also richtig ... Frauen sagen das nie.
Ich kann Ihnen jedenfalls mitteilen, dass Ihr Roman redaktionsintern das am stärksten nachgefragte Buch seit Jahren ist – von Männern zwischen 30 und 45.
Das versteh ich. Und 45-jährige Männer sind ja in meiner Welt noch junge Männer.
Vielen Dank.
Es gibt einen Mann pro Lesung, der so (stöhnt) wie der Gollum auf einen zukommt, wo man aufpassen muss, dass man nicht angefasst wird. Aber angesichts des Themas locke ich eigentlich recht wenige solche Typen an.
Gibt es denn auch aggressive
Reaktionen?
Überhaupt nicht. Ich werde nicht beschimpft, ja es gibt nicht einmal Leute, die aufstehen und rausgehen. Das wundert mich auch sehr.
Wie sind Sie denn erzogen worden?
Sehr frei. Meine Mutter hat zum Beispiel gesagt: "Wenn man jung ist, muss man sich die Hörner abstoßen" – was sonst nur die Jungs zu hören kriegen. Ich durfte Männer nachhause mitnehmen und mit denen auch Sex haben. Meine Mutter meinte: Lieber bei mir zuhause als irgendwo im Wald. Die Frau mit ihrem Hygienewahn, die ich in meinem Buch verewigt habe, ist also nicht meine Mutter, sondern die meiner Freundinnen.
Können Sie diesen Hygienewahnsinn historisch festmachen?
Nein, ich weiß nur, dass – wie immer – Amerika daran schuld ist. Frauen, die heute um die vierzig, fünfzig sind und in ihrem Studienalter in den USA waren, erzählen mir, dass sie in den Bussen von Frauen angesprochen wurden, weil sie Achselhaare hatten. Sie haben ihnen Rasierer gegeben und gesagt: "You look like a nigger."
Was mögen die von Nena gedacht haben?
Das ist heutzutage in England und Amerika immer noch so: Die glauben alle, dass deutsche Frauen total behaart sind.
Das Verhältnis zum eigenen Körper ist viel rigider und leistungsfixierter geworden. Die Frauen meiner Generation sind nicht auf die Idee gekommen, als Twentysomething ständig an sich rumzuzupfen, geschweige denn, an sich rumschneiden zu lassen, weil sie dem Schönheitsideal nicht entsprechen.
Frauen, die solchen Idealen nacheifern und ständig an ihrem Körper arbeiten, fühlen sich nicht erotischer, haben nicht mehr Sex und fühlen sich auch nicht glücklicher. Ganz im Gegenteil: Die gepflegteste Frau ist die unglücklichste. Die kann man ja nicht mehr anfassen, mit der kann man keinen Sex mehr haben, weil alles kaputtgeht.
Sie sehen doch selber aus wie aus dem Ei gepellt. Ich habe ohnedies den Verdacht, dass Sie in Wirklichkeit unter Waschzwang leiden.
In Wirklichkeit bin ich die sauberste Frau der Welt – das hat Roger Willemsen auch gesagt. Aber ich habe zum Beispiel Unterarmhaare, was auch schon als ekelhaft gilt. Meine Freundinnen machen die weg.
Sie wissen aber schon, dass das nicht immer auf männliche Gegenliebe stößt?
Ja, ja. Es ist ja nicht nur so, dass ich die Frauen von ihren schrecklichen Rasurzwängen befreien möchte. Ich finde es auch bedenklich, dass Männer, die auf behaarte Frauen stehen – egal, an welchem Körperteil –, in so eine Fetischecke abgedrängt werden; als würden sie auf achtzigjährige Schwangere stehen.
Die Pornos der Siebziger- und Achtzigerjahre waren in der Hinsicht besser.
Genau. Je mehr Haare, umso mehr Persönlichkeit – finde ich jedenfalls. Wenn man so einen richtigen Busch sieht, macht einem das natürlich Angst, es ist aber auch betörend. Viele Männer sagen mir ganz leise, dass sie schon gern ein bisschen mehr Haare hätten. Mir geht's ja nicht darum, dass alle wie ein Orang-Utan rumlaufen, sondern dass Männer zu ihren Frauen auch sagen können: Lass die Achselhaare stehen!
Bei den Männer geht's jetzt auch schon los.
Da fängt es gerade erst an.
Unter Heteros vielleicht.
Bei den Schwulen gibt es aber mittlerweile einen Backlash: neben dem total antiseptischen, haarlosen Körper gibt es jetzt den "Bären" oder "Otter". Wenn man eine Auswahl hat, ist das gut. Aber für Frauen gibt es die zurzeit nicht.
Wie stehen Sie zur Männerbehaarung?
Sehr positiv. Ich finde es völlig absurd, wenn sich Männer die Beine oder die Brust rasieren. Ich habe auch überhaupt nichts dagegen, wenn Männern ab einem gewissen Alter Haare auf dem Rücken wachsen.
Die Michel-Piccoli-Schulterbärte?!
Ja, ist doch schön – wie so ein Werwolf.
Ohren- und Nasenhaare müssen aber nicht sein, oder?
Geht so. Ich habe jetzt ein Bild von Martin Walser gesehen, der diese extrem buschigen Altmännerbrauen hat. Find' ich gut. Ich mag überhaupt Männer am liebsten, die sich in ihrem eigenen Körper wohlfühlen. Warum kriegen Frauen das nicht hin?
Was war denn eigentlich der erste Anstoß zu Ihrem Buch?
Dass ich einen Vertrag für Kiepenheuer & Witsch hatte. Der war schon sieben Jahre alt, und ich hatte immer ein schlechtes Gewissen, habe aber auch gesagt: Wenn mir nichts Gutes einfällt, schreibe ich auch keines. Irgendwann habe ich auf meinem Laptop Ordner angelegt: einer davon hieß "Intimhygiene"; und wie die anderen hießen, verrate ich nicht. Der Ordner "Intimhygiene" ist aber völlig explodiert – aus Hass und Wut; weil meine Freundinnen Waschlotionen für den Intimbereich verwendet haben. Ich habe gedacht: Das kann doch nicht wahr sein, dass sogar meine coolen Freundinnen auf so was reinfallen und glauben, dass normale Seife nicht reicht. Also habe ich Helen erfunden – als supercooles Alter Ego. So cool, wie sonst keine Frau ist.
Welche Idee stand denn dabei am Anfang?
Eher die gesunden sexuellen Sachen – Masturbation und das ganze Smegmazeug. Ich wollte Helen allerdings lähmen, wollte, dass sie kein echtes Leben hat und sich mit sich selbst beschäftigen muss. Ich hätte ihr natürlich auch die Beine abhacken können. Dann kam ich allerdings auf die Hämorrhoiden – ein wunderschönes Thema. Ein Traum!
Wieso eigentlich?
Weil Frauen und die ganzen analen Themen ein völliges Tabu sind. Manchmal habe ich das Gefühl, Frauen würden gerne so tun, als hätten sie gar keinen Stuhlgang. Die sind so weiblich, so rein, dass das wie ätherische Öle ausgeschwitzt wird.
Trotzdem haben Sie es als Frau mit Ihrem Buch leichter. Hätte ein Mann das geschrieben, wäre er schnell in der Schmutzige-Buben-Ecke
gelandet.
Das glaube ich auch. Ich schockiere ja auch niemanden, sondern renne eher offene Türen ein.
Es wird immer behauptet, Ihr Buch finge mit den Hämorrhoiden an,
dabei kommt davor ja was ganz
anderes.
Ja, das lassen die bösen Journalisten immer weg.
Es ist eigentlich eine sehr rührende Geschichte: Die Protagonistin erklärt, dass sie ihre geschiedenen Eltern wieder zusammenbringen will.
Ganz kindisch und naiv, fast schon peinlich. Das geht in den Medien natürlich unter: Das sexuell Skandalöse überholt mich, und das Traurige, die echte Geschichte ziehe ich hinter mir her.
Helen ist ein richtiges Papamädchen?
Er ist eigentlich genauso ein Krüppel wie die Mutter, die sie ständig abstraft, aber Papa darf machen, was er will.
Vermutlich ein nicht ganz unübliches Modell.
Absolut. Das sagen mir viele Frauen. Es ist auch unter feministischen Aspekten ein Problem. Eigentlich müssten Mutter und Tochter zusammenhalten, und die Mutter müsste der Tochter vermitteln, dass es toll ist, eine Frau zu sein. Sie schafft es aber nicht.
Der Vater vertschüsst sich; die Mutter bleibt mit der Tochter allein und tut so, als wäre sie deren beste
Freundin.
Das ist ganz schlimm. Da bin ich auch für Altersgrenzen: Mütter sollen sich so anziehen und benehmen wie Mütter und nicht so tun, als wären sie noch zwanzig. Es ist doch eine Katastrophe für die Tochter, wenn die Mutter die gleichen Klamotten anzieht.
Daran ist die Popkultur schuld, die uns einredet, dass das alles "starke Frauen" sind.
Wie Madonna. Ich werde immer gefragt, ob Madonna mein feministisches Vorbild ist. Worauf ich immer antworte: Auf gar keinen Fall! Sie weigert sich zu altern, und das finde ich so erbärmlich. Wenn eine Fünfzigjährige so tut, als ob sie unter zwanzig wäre, ist das doch krank! Wie sieht die denn aus, wenn sie sechzig, siebzig, achtzig ist? Da kriegt man ja jetzt schon Angst! Man kann doch alt werden, Falten und graue Haare kriegen und trotzdem gut aussehen. Schon als Kind hatte ich die Maude aus "Harold and Maude" zum Vorbild.

Klaus Nüchtern in FALTER 12/2008



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