China ruft dich


Der Schriftsteller Ingo Niermann ("Minusvisionen", "Breites Wissen") ist fasziniert von Chinas wirtschaftlichem Aufschwung. Dieses Land sei wie Science-Fiction, schreibt er im Prolog: "Ein technokratisches Regime, das nicht davor zurückschreckt, einen Fluss tausend Kilometer umzuleiten, Regen künstlich zu verstärken, die Wüste zu bewalden, zig Millionen abgelegen lebende Menschen mit erneuerbaren Energien zu elektrifizieren und jedes Jahr mehrere Atomkraftwerke zu bauen." Niermann konnte die Dynamik der Entwicklung mit eigenen Augen sehen: Viele Straßen erkannte er bei einem weiteren Besuch nach zwei Jahren nicht wieder; Wohnblöcke waren Hochhäusern gewichen.
Das Wort überlässt er in "China ruft dich" jenen, die das Land besser kennen. Er hat aus dem Westen gekommene Einwanderer und Glückssucher ebenso wie in die Heimat zurückgekehrte Exilchinesen nach ihren Erfahrungen mit der Arbeitswelt und der Parteidiktatur befragt. Ein schwedisches Hippiekind kam aus Faszination für asiatische Frauen und wurde Popstar, der letzte DDR-Militärattaché in Peking betreibt heute ebendort eine Fleischerei. Manch einer flüchtete vor Schulden und erfreut sich am billigen Leben in China, andere blieben auf einer Weltreise hängen oder versuchen sich mit dubiosen Investments. Die Statements zeichnen bunte Bilder einer Nation voller Widersprüche: China ist nicht zu fassen. Aber dieses Buch ist ein guter Einstieg.

Sebastian Fasthuber in FALTER 12/2008



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