Die Nacht, die Lichter. Stories

Clemens Meyer


Mit Punkt und Beistrich

Clemens Meyer freute sich wie ein Fußballer. Ginge es nur um körpersprachlich überzeugend zum Ausdruck gebrachte Begeisterung, hat der dreißigjährige Leipziger den Preis der Leipziger Buchmesse völlig zu Recht bekommen. Dass die Optik ungünstig ist und der Vorwurf des Provinzialismus nicht ganz grundlos erhoben wurde (siehe Artikel auf Seite 56), ist freilich nicht Meyers Schuld. Mittlerweile hat der Autor sein Erscheinungsbild einem Relaunch unterzogen: Die Skinheadglatze ist von einer ideologisch neutralen Frisur überwachsen, die üppigen Tattoos sind von Hemd und Jackett verdeckt. Seinem Milieu ist Meyer freilich treu geblieben, und das unfreundliche Wort "Unterschicht" dürfte der unverblümten Direktheit, die der Autor gerne an den Tag legt, eher entsprechen als jedes euphemistische Gedöns über marginale Existenzen.
Es sind Verlierer, deren Niederlagen sich mitunter sogar ganz exakt beziffern lassen: "18 – 32 – 3. Achtzehn Siege, zweiundreißig Niederlagen, drei Unentschieden", sind es bei dem schwarzen Boxer aus "Ich bin noch da!", der sein Geld ja auch fürs Verlieren bekommt. Gewinnt er einmal, kriegt er prompt Schwierigkeiten.
Boxer kommen öfter vor (sogar eine Boxerin), und es liegt nahe, darin erstens eine Metapher für den Daseinskampf zu erblicken und Meyers Erzählungen zweitens – Hemingway assoziierend – im Fach "klassische Short Story" abzulegen, gegen das im Grunde ja auch nicht viel zu sagen ist. Man läuft dabei freilich Gefahr, die Subtilität zu übersehen, mit der diese Geschichten gearbeitet sind. "Straight" wird hier nur sehr vordergründig erzählt, darüber hinaus sind die einzelnen Stories durch ein lockeres Netz aus Leitmotiven miteinander verknüpft: Konstellationen, Motive, Orte (die 27. Etage!) oder auch nur Satzfragmente ("so dies und das") tauchen immer wieder auf.
Meyer spricht eigentlich recht unverhohlen mit der Stimme eines Romantikers, der keine Berührungsängste mit den oft kitschig anmutenden Sehnsüchten der kleinen Leute kennt und selbst für Sentimentalität, die Schwester echter Einsamkeit, etwas übrighat, ohne je selbst sentimental zu werden. Und auch wenn die insgesamt 16 Erzählungen nicht alle auf der gleichen Höhe sind, leuchtet – sozusagen programmgemäß – aus jeder Story etwas hervor. "Reise zum Schluss", mit dem Meyer beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2006 keinen Preis gewann, ist wohl nicht der beste Text des Buches, aber er enthält doch einen dieser Sätze, in denen sich ironische Coolness und camouflierte Zärtlichkeit auf eine Weise verschränken, die Meyer erst einmal wer nachmachen soll: "Das musste ihre Nase sein, nein, die konnte sie nicht vom Boxer geerbt haben, aber vielleicht hatte der mal die schönste Nase der ganzen Stadt gehabt, bevor er es fast bis Olympia geschafft hatte."

Und es mag ja schon sein, dass "Das kurze und glückliche Leben des Johannes Vettermann" "arg plump den späten Lebensumständen des Malers Jörg Immendorff nachempfunden" ist, wie Martin Lüdke in der Literaturbeilage der Zeit anmerkt; es bleibt dennoch ein furioses, bildstarkes Stück literarischen Irrsinns, bei dem der Autor den Wechsel von Innen- und Außenperspektive und das Ineinanderschieben von Zeitebenen so gekonnt vorführt wie in den anderen Stücken. Zu guter Letzt ist Meyer auch noch ein fantastischer Rhythmiker, der mit einfachen Mitteln, mit Punkt und Beistrich und "und" einen beachtlichen Sog erzeugen kann, wie "Der kleine Tod" belegt. Wer das kann, hat sich den Leipziger Literaturpreis allemal verdient.

Klaus Nüchtern in FALTER 12/2008



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