Abseits, auf den Gleisen

Franz Weinzettl


Alles, was es gerade noch gibt

Eine junge Frau (Studentin?) und er als die beiden einzigen Fahrgäste. So hätte eine Geschichte beginnen können, eine, die er gerne gelesen hätte, wären nur die Bahnstrecke, der Zug, die Landschaft und die Jahreszeiten im Mittelpunkt gestanden, nicht das Paar."
Was sich der Protagonist in Franz Weinzettls neuem Buch "Abseits, auf den Gleisen" erträumt, ist dieses Buch selbst – ein Geschenk des Autors an seinen Protagonisten. Dieser erkundet über drei Jahre lang die nur 21 Kilometer lange Bahnstrecke seiner Kindheit. Er geht die Gleise ab und besteigt den nur mehr selten fahrenden Zug; er beobachtet und fotografiert, hängt seinen Gedanken nach und notiert. Als würde der Zug durch einen Tunnel verdichteter Wahrnehmung fahren, hört er das Rauschen der Bäume in verstärkter Deutlichkeit, sieht er das vom Wind aufgewirbelte Laub wie vergrößert und verwandelt es in seiner regen Fantasie zu tanzenden Wesen.
Die gierig aufgenommenen Details einer Landschaft im Wandel der Zeit sind der Auslöser von Tagträumen und Fantasien, die den Beobachter sowohl in gefährliche Kriegshändel als auch in romantische Vorstellungen treiben und die ferne Vergangenheit seiner Familie erahnen lassen. Alles mit allem assoziierend, wird der Text, der formal als nüchternes Protokoll mit kurzen, datierten Notaten daherkommt, eine einzige Behauptung, wie der Autor durch zahllose Vergleiche auch sprachlich manifest zu machen weiß: die Bäume wie Menschen, das Gras wie Haar, die Tiere wie Maschinen, das Gleis die Naht zwischen den Erdteilen.
Franz Weinzettl holt über die Eindrücke einer einsamen Gegend in der steirischen Provinz die gesamte Welt herein. Sein Protagonist ergibt sich völlig unsentimental dem Kreislauf der Natur, den der Autor hier ebenso beeindruckend zu beschreiben versteht wie in der Erzählung "Der Jahreskreis der Anna Neuherz" (1988).
Für Außenstehende durchmisst der Zug den Raum, für die Insassen lässt er die Außenwelt vorüberziehen. Dem akribischen Beobachter geben die Gegenstände und Orte ihre Kontingenz preis: Deshalb liebt der Protagonist – wie sein Schöpfer Jahrgang 1955 – den Verfall als heutiges Zeichen längst vergangener Zeiten und hetzt der Dokumentation dieser Veränderungsprozesse hinterher. Nicht nur die alten Schwellen will er festhalten, bevor sie endgültig erneuert werden; er sammelt Bilder, Geräusche, Fundstücke und detaillierte Beschreibungen: "Melancholie, wie von allem, das es gerade noch gab. Solche Orte und Dinge strahlten eine besondere Wärme für ihn aus."
Diese Wärme könnte das Ziel seiner diffusen Sehnsucht sein, sie blitzt in den poetischen Momenten dieses wundersamen Textes als Epiphanie auf – wenn Weinzettl mit wenigen präzisen Worten eindrückliche Bilder skizziert, wie jenes der zarten Gräser, die aus dem Schnee ragen. Sein Protagonist indes gibt sich damit nicht zufrieden, er muss die Strecke wieder und wieder begehen, die gleichen Spuren hinterlassen und zugleich Veränderungen registrieren, um sich die Strecke allmählich einzuverleiben.
In "Abseits, auf den Gleisen" zelebriert der Grazer Autor und Psychotherapeut das Ephemere momentanter Eindrücke; er beweist Mut zur Langsamkeit und erweist sich einmal mehr als sinnlicher und genauer Beobachter. Durch die assoziative Dichte und die ständigen Abschweifungen in die Gedankenwelt des beobachtenden Protagonisten weist der "Bahntext" jedoch weit über sich selbst hinaus.

Alexandra Millner in FALTER 11/2008



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