Das Walnusshaus

Miljenko Jergovic


Von Bora und Jugo gebeutelt

Dieses Buch steht Kopf, und damit rinnt auch der Erzählfluss in die verkehrte Richtung: Am Anfang steht der Tod, am Ende die Geburt von Regina Delavale (ledige SikiricŽ), die 1905 auf die Welt kommt und 2002 – nachdem sie durch ihre in Aggression umschlagende Altersdemenz für die Familie zur unerträglichen Last geworden ist – in einem Krankenhaus in Dalmatien an einer deftigen Dosis Beruhigungsmitteln stirbt. Das Leben von Regina bildet aber nur das Gerüst, auf das sich Miljenko JergovicŽ stützt, um ein soziohistorisches Fresko oder Sittengemälde jenes geografischen Raumes zu entwerfen, der im 20. Jahrhundert einmal den Vielvölkerstaat Jugoslawien beherbergte und heute aus zersplitterten Kleinstaaten besteht, die freilich drauf und dran sind, sich in nicht allzu ferner Zukunft, nolens volens, in der EU wieder zu vereinen.
Im Grunde umfasst die JergovicŽ'sche Landes- und Familiensaga rund 130 Jahre. Sie wandert von unseren Tagen über die jüngsten Balkankriege mit der Bombardierung von Reginas Heimatstadt Dubrovnik zurück zu Titos Jugoslawien und zum Zweiten Weltkrieg; von den Dreißigerjahren über den Ersten Weltkrieg zu den letzten Tagen der osmanischen Herrschaft bis zur Übernahme der Verwaltung von Bosnien-Herzegowina durch das Habsburger-Imperium Österreich-Ungarn 1878. Geschüttelt von der Willkür der Geschichte werden die Mitglieder von Reginas weitverästelter Familie und die mit ihnen in Beziehung stehenden Menschen bald in Zeit und Raum verstreut. Von Dubrovnik aus werden sie von den Zeitläuften nach Sarajevo, Mostar, Banja Luka, Mailand, Triest, Wien, Paris oder in die USA gespült. Das betrifft freilich hauptsächlich die Männer, die meist zu Gestaltern und/oder Opfern der politischen Entwicklungen im 20. Jahrhundert werden.
Der älteste Bruder, Bepo SikiricŽ, kämpft im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Franco-Truppen, wird zum Held unter den Partisanen, die Widerstand gegen die faschistischen Besatzungsmächte Deutschland und Italien, gegen die kroatische Ustascha und später auch gegen die serbischen nationalistisch-monarchistischen Tschetniks. Ob des aufreibenden Kampfes verliert er freilich den Verstand, und so darbt der Held der jugoslawischen Volksrepublik bis zu seinem Tod in der Psychiatrie vor sich hin. Anders Luka, der jüngste Spross der Familie SikiricŽ, der den chaotischen Wirren mit einer nonchalanten Unbekümmertheit begegnet und letztlich als Käsehändler in Italien sogar zu Ansehen und Wohlstand gelangt.
Bleiben noch die beiden mittleren Brüder, Djovani und Djuzepe, anhand derer JergovicŽ mit dem ihm eigenen Humor zeigt, wie selbst (oder gerade) ideologisch wenig gefestigte bis desinteressierte Charaktere von den Mühlen der Geschichte zerrieben werden können. Djovani landet über den Umweg Paris bei den Tschetniks; Djuzepe wird mehr aus Pragmatik denn aus Überzeugung Anhänger von Ustascha-Führer Ante PavelicŽ. Am Ende sterben beide eines gewaltsamen Todes.
All dies betrachtet der bosnische Kroate JergovicŽ, der nunmehr in Zagreb lebt, natürlich aus der Distanz des Spätgeborenen. 1966 in Sarajevo geboren hat er freilich andere historische Etappen, die sein Buch durchläuft, sehr wohl schon bewusst miterlebt. Dem Tod von Marschall Tito räumt er großen Raum ein. Mit dem Tag, an dem Josip Broz starb, begann auch die Agonie des Vielvölkerstaats der Südslawen – ein Zusammenhang, der vielen Menschen wohl schon damals bewusst war. Vid, den Ehemann von Reginas Tochter Diana, ereilt die Nachricht auf einer bosnischen Landstraße, und die verstört ihn dermaßen, dass er kurz darauf gegen einen Autobus kracht und selbst stirbt.
JergovicŽ versteht es, die individuellen Lebensgeschichten und Schicksale der von den Winden Bora und Jugo gequälten Köpfe mit ihren ganz eigenen Marotten einfühlsam, aber unsentimental in ein großes Ganzes einzubetten. Vergleiche mit Ivo AndricŽ und seinem Opus Magnum "Die Brücke über die Drina" drängen sich auf, selbst wenn die Sprache weitgehend eine völlig andere ist. Apropos Sprache: Es wäre durchaus einmal eine Diplomarbeit wert zu untersuchen, wie oft und vor allem in welchem soziologischen und historischen Kontext das Wort "Fotze" – so die bundesdeutsch angehauchte Übersetzung – in den Werken von JergovicŽ oder seines kongenialen Zeitgenossen Zoran FericŽ vorkommt. Der Anspruch auf thematische Umfasslichkeit und die daraus resultierende Opulenz – das Buch hat immerhin über 600 Seiten – verbindet JergovicŽ mit
AndricŽ nichtsdestotrotz. Und: Wie AndricŽ ist auch JergovicŽ
ein bosnischer, kroatischer und zugleich jugoslawischer
Autor – auch wenn es so etwas heutzutage eigentlich gar nicht mehr gibt.

Ließen vorangegangene Titel – etwa "Sarajevo Marlboro" und "Buick Rivera" – einen gewissen Popappeal durchschimmern, so scheint Milkenko JergovicŽ mit der jüngsten Titelwahl den Weg in die Seriosität einzuschlagen. "Das Walnusshaus" nimmt Anleihen bei Shakespeare – attestierte jedenfalls die kroatische, bosnische, serbische ... Literaturkritik, nachdem "Dvori od oraha" 2003 im Zagreber Durieux-Verlag erschienen war. Ganz am Schluss des Romans wird für Regina bereits vor ihrer Geburt im Auftrag des Großvaters von einem renommierten Geigenbauer ein aus Nussholz geschnitztes Puppenhaus angefertigt; und zwar in jenem Stil, in dem sich die zeitgenössischen Architekturutopien die Bauten der noch in weiter Ferne liegenden Fünfzigerjahre vorstellten.
Das Puppenhaus steht demnach frei nach Hamlet ("O God,
I could be bounded in a nutshell and count myself a king of infinite space, were it not that I have bad dreams") sowohl
für die einstigen Illusionen als auch das bittere Ende, das letztlich sowohl Gesamtjugoslawien als auch Regina beschieden ist.

Edgar Schütz in FALTER 11/2008



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