Die Geschichte der Astronomie

Heather Couper, Nigel Henbest, Frank Auerbach, Werner...


Stonehenge light

Astronomen sind schon immer die Vorreiter unserer größten intellektuellen Fortschritte gewesen: Angefangen von der Erkenntnis, dass unsere Erde durchs All kreist, bis hin zu den verwirrenden Eigenschaften eines Schwarzen Lochs. Und die Reise zu den himmlischen Entdeckungen ist noch lange nicht zu Ende." Zu diesen optimistischen Worten am Schluss blickt eine polynesische Steinstatue von der Osterinsel zufrieden Richtung Sonnenuntergang. Die Zukunft hat gerade erst begonnen. Astronomen sind schon immer ein zuversichtliches Völkchen gewesen – diesen Verdacht legt der opulente Band zur Geschichte der Zunft der Himmelsgucker nahe. Die Verfasser springen, unterstützt durch zahlreiche Hochglanzillustrationen von Sternenhimmeln, historischen Stichen, Porträts und Artefakten der Wissenschaftsgeschichte, locker durch die Jahrtausende alte Historie ihrer Disziplin.
Beide sind ausgewiesene Fachleute. Der Physiker, Chemiker und Astronom Henbest war Berater des Königlichen Observatoriums von Greenwich und so renommierter Blätter wie des New Scientist oder der Zeitschrift der British Astronomical Association (BAA), die Astrophysikerin Couper, lange auch in Wissenschaftsprogrammen der BBC im Fernsehen, im Radio sowie als Vorsitzende der BAA tätig, wurde 2007 für ihre Leistungen im Rahmen der Millennium Commission, einer Regierungsinitiative, um Großbritannien den Eintritt ins neue Jahrtausend zu erleichtern, zum "Commander of the British Empire" (CBE) ernannt. Für das Vorwort konnte der bei Erscheinen auch schon neunzigjährige Arthur C. Clarke ("2001 – A Space Odyssey") gewonnen werden, der trotz seiner Polioerkrankung noch immer hellwach auf Sri Lanka seinen Lebensabend verbringt. Augenzwinkernd will dieser die Astronomie nicht von der (siamesischen Zwillingsschwester?) Astrologie trennen.
Was diese großen Namen versprechen, hält "Die Geschichte der Astronomie" nicht ganz. Über die Anfänge der Sternbeobachtung in den Anden, in Australien oder in Stonehenge wird eher freimütig spekuliert. Die dazu befragten Archäoastronomen dürften einer breiteren Öffentlichkeit eher unbekannt sein und werden auch nicht näher vorgestellt. Die zahlreichen chronologischen Brüche in der Entwicklung der Disziplin werden mit Cliffhangern übergangen, und schon beginnt ein neues Kapitel.
Als Briten ignorieren die Autoren wie selbstverständlich die Beiträge von Leibniz zur Infinitesimalrechnung und singen Isaac Newton ein Hohelied. Besonders in den letzten Abschnitten ab dem 19. Jahrhundert wird zu schamlosem Namedropping übergegangen. Forschungsergebnisse und Gedankengebäude einzelner Hobbyastronomen werden lang und breit referiert, ein Sinn ist dabei meistens jedoch nicht auszumachen. War Lear noch ironisch "jeder Zoll ein König", scheinen hier aus jedem Winkel eines Observatoriums Dutzende hervorragende Köpfe hervorgegangen zu sein, alle großen Astronomen, alle Helden der Wissenschaft! Bildunterschriften widersprechen zuweilen dem Haupttext, der Bildnachweis erfolgt mehr als schleißig und auf Quellennachweise glaubte man völlig verzichten zu können. Ganz zu schweigen von den zahlreichen Druckfehlern.
Eine große Stärke des Bandes freilich ist die leichte Lesbarkeit. Mit astrophysikalischen oder anderen Formeln wird man an keiner Stelle behelligt, schwierige Sachverhalte werden auf eine fast schon verdächtige Verständlichkeit heruntergebrochen, ohne dabei völlig ins Banale abzudriften. Kosmische Phänomene, teilweise nicht einmal für Physiker leicht zu fassen, wie Quasare oder Gravitationsströme in der Nähe von Schwarzen Löchern, werden durch atemberaubende grafische Auflösungen hinreichend fundiert vermittelt. Ein Schwarzes Loch, aus dem per definitionem selbst Licht nicht entweichen kann, darf ohnedies getrost als unsichtbar bezeichnet werden, warum also nicht das faszinierende Drumherum bis zu seinem Rand ("Event Horizon" genannt, als Antwort unlängst sogar in der "Millionenshow" zu hören) vorstellen? Dass das ganze Buch dem Klassiker "Unser Kosmos" von Carl Sagan (1934–1996) aus dem Jahre 1982 darin nicht unähnlich, dennoch lediglich wie der Begleitband zu einer Fortsetzungsserie auf Discovery Channel wirkt, liegt wohl darin begründet, dass die beiden Autoren bis vor kurzem die britische Dokumentarfilmfirma Pioneer Productions leiteten.

Martin Lhotzky in FALTER 11/2008



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