Speed. Eine Gesellschaft auf Droge

Hans Christian Dany


Recht auf Rausch

Der deutsche Terrorist Andreas Baader, Vietnam-GIs, die Rockikone Elvis Presley, Popkünstler Andy Warhol und der Science-Fiction-Autor Philip K. Dick wussten die Vorzüge einer chemischen Verbindung zu schätzen, die vor hundertzwanzig Jahren vom rumänischen Chemiker Lazar Edeleanu entdeckt und unter dem Namen Amphetamin populär gemacht wurde. Nach dem Eintritt in den menschlichen Stoffwechsel wirkt Amphetamin auf das zentrale Nervensystem, und es hängt von seinem Gebrauchszusammenhang ab, ob es als Medikament oder Rauschmittel wahrgenommen wird. In seinem Buch "Speed – Eine Gesellschaft auf Droge" setzt sich der Hamburger Künstler und Autor Hans-Christian Dany mit den Anwendungen von Amphetamin, aber auch von ähnlichen Wirkstoffen wie Kokain und LSD auseinander; er verabreicht den Stoff in gut konsumierbaren Dosen, hält Fakten und Anekdoten in einem stilistisch ausgewogenen Verhältnis.
Dabei steht der enge Zusammenhang von Drogen bzw. Medikamenten – meist unterscheidet diese beiden Stoffe ja lediglich das Copyright – mit den Veränderungen der Arbeitswelt im Vordergrund. Danys Arbeitsbegriff ist jedoch überaus biegsam, die chemischen Helferlein erscheinen geradezu als Scharnier zwischen der Sphäre der industriellen Produktion, der künstlerischen Arbeit und der Welt des Konsums. Der beschleunigte Arbeitsrhythmus in den Autofabriken Gerald Fords, die Geschwindigkeitsfantasien der Futuristen und die durch Kokain hervorgerufene Euphorie der Kampfflieger im Ersten Weltkrieg greifen bereits am Beginn des 20. Jahrhunderts wie Zahnräder eines gewaltigen Motors ineinander, dem man auch das Label Moderne verpassen könnte.
Die Kokaindepots des Militärs bildeten die Grundlage für eine zivile Umnutzung. Als harmloses Hausmittel schlich sich erst Anfang der Dreißigerjahre auch Amphetamin in die Haushalte der Mittelschicht ein. Benezedrin wurde während der "großen Depression" gegen Erkältung und Asthma verabreicht. Millionen von Langzeitarbeitern, Studenten und Passagiere auf langen Flügen bekamen von der Einnahme keine Atembeschwerden und waren aufgrund der Inhalationsstifte obendrein noch immer wach und gut drauf. So auch Hollywoodstar Judy Garland, die Amphetamin als Appetitzügler einsetzte und im Film "Wizard of Oz" die Amphetaminhymne "Over the Rainbow" populär machte. Die Nationalsozialisten entwickelten eine preisgünstige Variante zum amerikanischen Benezedrin, ein Metaamphetamin namens Pervitin. Es sollte "Arbeitsunwilligen" auf die Sprünge helfen und den Soldatenkörper stählen. Als "Yaba", "Pep", "Piko", "Speed", "Meth" oder "Chrystal" verbreitete sich sein Konsum rasch rund um den Globus, auch im Ostblock. Heute sind allein in den USA vier Millionen Menschen von Amphetaminen abhängig.
Der Musiker Johnny Rotten, der sich durch den exzessiven Konsum von Amphetaminen in eine notorische Punk-Rampensau verwandelt hatte, beendete nach dem Absetzen des Egoverstärkers den kreativen Ausnahmezustand ebenso wie Andy Warhol, der nach einem Schussattentat auf seine Lieblingstabletten verzichten musste. Dany beschreibt Amphetamin als Produktionsmittel der Factory, des Ateliers von Warhol, dessen "Arbeiter" ihre neuronal hochgetunte Subjektivität auf das Fließband ihres unbewegten Direktors legten. Auch Warhol hatte übrigens, wie einst Judy Garland, die chemische Wirkung von Amphetamin in Form von Appetitzüglern kennen gelernt. Die Prinzipien Serialität und Reproduktion, kennzeichnend für Warhols affirmativen Umgang mit den Gesetzen der Güterproduktion, bekommen eine andere Bedeutung, betrachtet man sie durch die Brille des Pillenschluckers.
Die monotonen Wiederholungen in seinen Filmen bereiten durchaus Lustgefühle, berechnet man die Wirkung von Amphetamin mit ein. Später werden Disco und Techno jene Ekstase zum Prinzip machen, die schon der Orbetrol-Konsument Warhol dem maschinellen Gleichmaß abgewann. Dany sieht in der sechs Jahre währenden Beschleunigung durch Amphetamin sogar den Schlüssel zu Warhols Kunstverständnis. Warhols Lieblingsmarke Aderal wird heute auch als "Kiddie Coke" bezeichnet, Robbie Williams besang sie in dem Song "Good Doctors".
Das Recht auf Rausch ist nach Einschätzung von Hans-Christian längst zum ungeschriebenen Gesetz unserer modernen Arbeitswelt geworden, deren oberste Prinzipien Selbstoptimierung und Leistungssteigerung sind. Speed hilft den Individuen, weniger zu schlafen und mehr zu arbeiten. Das auch ästhetisch produktive Rezept für eskapistische Gegenwelten lässt sich aber, so Danys schlüssige These, von dem von ihm dargestellten entmündigenden Zusammenhang – Stichwort: Abhängigkeit – nicht lösen. "Es gibt gute Gründe, nüchtern zu bleiben."

Matthias Dusini in FALTER 11/2008



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