Das Okkulte. Eine Erfolgsgeschichte im Schatten der Aufklärung. Von...

Sabine Döring-Manteuffel


Im Schatten der Aufklärung

Im Mai 1713 sucht der Teufel wiederholt das Anwesen des Dortmunder Arztes Barthold Florian Gerstmann heim. Er zerdeppert die gläsernen Geräte des Laboratoriums, zerschneidet und beschmiert Gegenstände und wirft mit Ziegeln. Aber die Familie Gerstmann weicht nicht, vertraut auf Gott, und Anfang Juni gibt der Höllenfürst auf. Sabine Doering-Manteuffel zeigt, wie der Arzt diese unerklärlichen Vorfälle in seinem 1714 gedruckten Bericht zur inneren Prüfung stilisiert, sie rekonstruiert Gerstmanns geistigen Kosmos zwischen Descartes und Luthertum, verweist auf konfessionelle Spannungen in der Stadt und auf die Konflikte mit den örtlichen Apothekern, wer denn nun berechtigt sei, Pillen zu drehen.
Die historische Tiefenschärfe macht diese Episode zum spannendsten Kapitel in ihrem Buch "Das Okkulte". Darin erzählt sie – so der Untertitel – "Eine Erfolgsgeschichte im Schatten der Aufklärung" als Mediengeschichte, wie wiederum der Unteruntertitel "Von Gutenberg bis zum World Wide Web" klarmacht. Gerade die Erfindung des Buchdrucks ermöglichte nicht nur die massenhafte Verbreitung von Wissen, sondern auch von dessen Gegenteil.
Neben der medialen betont die Professorin für Volkskunde an der Uni Augsburg dabei mit Recht immer auch die ökonomische Seite der Esoterik. Es gab und gibt eine wohl nie versiegende Nachfrage nach Welterklärung und Sinnstiftung, nach magischen Heilkräften, nach Kontaktaufnahme mit den Verstorbenen und danach, in die Zukunft zu blicken. Doering-Manteuffel zeigt auch, dass häufig gerade nicht die vermeintlich leichtgläubige Unterschicht, die "dummen Bauern", sondern das gebildete Bürgertum (und der Adel sowieso) für esoterische Ideen aller Art anfällig waren.
So weit, so gut. Nur hat sich die Autorin übernommen. Zunächst einmal ist es ja zu begrüßen, wenn jemand versucht, große Linien über mehr als ein halbes Jahrtausend zu ziehen. Aber es ist doch ein wenig arg beliebig geworden, was Doering-Manteuffel unter dem letztlich unscharfen Begriff des Okkulten zusammenfasst: vormoderne Heilkunde, Zauberei, Wahrsagerei, Spiritismus und Medien, Welteislehre, völkische Schöpfungsmythen und Erich von Däniken, Feen und Kornkreise. Was die Alchemie angeht, ist die Autorin zudem nicht auf dem letzten Stand der Forschung. Und bei dieser allzu bunten Parade gelingt es ihr nur zum Teil, wie eben im Falle des Dortmunder Arztes, die nötige Kontextualisierung zu leisten. Je mehr sie sich der Gegenwart nähert, desto mehr wird sie zur geschmäcklerischen Richterin.
Am Ende schmiert das Buch gar völlig ab, denn über die Inhalte des Netzes kann die Frau Professorin nur die Nase rümpfen. Im Cyberspace lagere sehr viel Müll und Esoterikanbieter haben einen florierenden Markt und vor allem einen neuen Vertriebsweg gefunden? No na. Und die Krönung: Wikipedia sei besonders schlimm, nach zwei bis drei Klicks landet man auf Esoterikseiten. Wie entsetzlich.
"Das Okkulte wird nicht mehr gehandelt, sondern das Medium selbst hat eine Okkult-Struktur angenommen." Nun ja, die Vor- und Nachteile des Internets hätte man etwas ausgewogener diskutieren können. So schaut am Ende nur eine reichlich hausbackene und auch hilflose Kulturkritik heraus.

Oliver Hochadel in FALTER 11/2008



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