Unwürdige Lektüren. Was Autoren heimlich lesen

Thomas Keul


Würde und Wrestling

Es kann frustrierend sein, die regelmäßig erscheinenden, oft glänzend geschriebenen Essays zu lesen, in denen bekannte Autoren von ihren prägenden Leseerlebnissen schwärmen. Ein Gefühl der Unterprivilegiertheit macht sich breit, das Bewusstsein eines nie aufzuholenden Rückstands, hat man seine frühe Kindheit nicht mit der aufmerksamen Lektüre des "Tristram Shandy" oder eines zerfledderten, vergilbten, von John Tenniel illustrierten Exemplars von "Alice im Wunderland" zugebracht.
Der Band "Unwürdige Lektüren" verspricht Abhilfe. In 29 ursprünglich in der Literaturzeitung Volltext erschienenen Kolumnen outen sich darin junge und nicht mehr ganz so junge deutschsprachige Autoren hinsichtlich ihrer nichtkanongemäßen Lesevorlieben.
Der Untertitel "Was Autoren heimlich lesen" verspricht den einen oder anderen Blick durchs Schlüsselloch des Autorenschlafzimmers, wobei natürlich nicht das Bett Ziel des voyeuristischen Blicks ist, sondern das Nachtkästchen, auf dem sich die verbotenen Bücher stapeln. Unter Umständen stapelt sich dort jedoch nichts bzw. weigern sich die Autoren, das Licht anzumachen. "Wer schreibt, will nicht lesen", so etwa Felicitas Hoppe, und auch ihrem Kollegen Alex Capus wird bei "Ulysses" und Co schlagartig "bewusst, dass unsere Lebenszeit beschränkt ist". Unwürdig sei jedoch nie das Buch, höchstens dessen Leser, der an seiner Unfähigkeit, allzu dicke Klassiker zu schätzen, wohl selbst schuld ist – eine ebenso elegante wie entwaffnende, vielleicht sogar ehrliche Argumentation.
Es ist interessant zu beobachten, dass ausgerechnet beim Schreiben über "unwürdige" Lektüren die Würde sehr schnell durch die Hintertür wieder hereinkommt – Hand in Hand mit der altväterischen Kategorie Wahrhaftigkeit. Lesenswert sind in dem Kolumnenband nämlich vor allem jene Texte, in denen die ehrliche Begeisterung spürbar wird – eine durchaus würdevolle Haltung also. "Man konnte den Besuch des Catchturniers auch soziologisch oder literarisch rechtfertigen, wenn man wollte. Ich wollte nicht, mir machte das Geschehen an sich Spaß", schreibt etwa der verhinderte Herausgeber eines Wrestlingmagazins, Gerald Schmickl, unter dem Titel "Karli, schlitz eam auf!".
Leidenschaftliche Bekenntnisse zu Unkonventionellem, und seien es Wrestlingheftchen, wirken in Zeiten der kollektiven Sehnsucht nach der Wiederkehr eines verbindlichen Kanons eben nicht "unwürdig", sondern geradezu wie Bastionen der Menschenwürde, hängt diese doch untrennbar mit der Autonomie und dem freien Willen des Individuums zusammen. Wohltuend sind auch nicht minder ehrliche Hasserklärungen: "News ist ekelerregend", findet Franzobel. Lesen muss er es trotzdem, um sicherzugehen, dass er nicht darin vorkommt.
Autoren ohne vergleichbar schräge oder masochistische Vorlieben kämpfen hingegen mit der Aufgabenstellung wie Oberstufenschüler mit einem Problemaufsatz. Im schlimmsten Fall kratzen sie allzu vorhersehbar im letzten Absatz noch die Kurve von der Gothic Novel zum alltäglichen Horror der Massenmedien, gipfeln in Plattitüden wie "Es ist sehr leicht, sogenannte Unterhaltungsliteratur zu unterschätzen und dabei naserümpfend so einiges zu verpassen" (Zoë Jenny) oder im nicht sonderlich wagemutigen Bekenntnis zu den "Peanuts" (Paul Ingendaay).
Die wenigen bemüht-langweiligen Texte sind indes schnell überblättert. Arne Rautenberg stellt dafür all jene zufrieden, denen der Blick auf ein Autorennachtkästchen zu wenig Kribbeln verursacht und führt vor, wie es aussieht, wenn ein Dichter einmal nicht Perlen vor die Säue wirft, sondern selbst zum Schweinekram greift. Die Annoncen der "genialen Lutschoasen" und "zärtlichen Sächsinnen" langweilen ihn zwar beim täglichen Kontaktanzeigenstudium, doch von Domina Delila ist der Dichter angetan: "In einer Minute ist es leicht, über eine Stunde bedarf es Meisterschaft" oder "Wer alltäglich herrscht, schöpft neue Kraft aus der Unterwerfung", schreibt die literarisch veranlagte Hetäre. Der an found poetry interessierte Autor sammelt die Annoncen für seine Literaturzeitschrift. Eine Ausrede? Vielleicht, aber eine gute.
Das Interessante an den "Unwürdigen Lektüren" sind weniger die tatsächlichen Vorlieben der Autoren als vielmehr die kreativen Begründungen. Norbert Kron erklärt etwa, nirgends sonst so guten Stoff zum Nachdenken über die Geschlechterdifferenz, das gesellschaftliche Über-Ich und den Tod zu finden wie in der Vogue, die er abonniert hat; Norbert Müller bekämpft Schreibblockaden der Reihe nach mit Rotwein, Waldläufen, Yoga, Masturbation und Thomas Manns Tagebüchern, doch wirklich helfen kann nur die Neue Post. Wer nicht weiß, wie es einem solcherart geplagten Autor geht, der möge sich Folgendes vorstellen: "Sie sind Bäcker und werden eines Morgens um vier Uhr früh in Ihrer Backstube von einer Backblockade heimgesucht. Zwanzig Jahre haben Sie Morgen für Morgen den Teig geknetet, Vanillekipferl geformt, Hefezöpfe geflochten, und plötzlich: Backblockade."
Der Einfall ist witzig, doch wer war schnell noch mal Norbert Müller? Kurze Bio-Bibliografien ihrer Verfasser vervollständigen die Kolumnen, und im womöglich geweckten Interesse an dem einen oder anderen Autor liegt wohl auch die erwünschte Nebenwirkung dieses unkonventionellen Who's who deutschsprachiger Gegenwartsliteratur, als das sich "Unwürdige Lektüren" schließlich entpuppt. Und so darf man am Ende einer Rezension auch endlich einmal schreiben: ein Buch, das auf keinem Nachtkästchen fehlen sollte.

Georg Renöckl in FALTER 11/2008



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