Werkausgabe Walther Rode. Band 1-4

Walther Rode, Gerd Baumgartner


Justiz oder Gerechtigkeit

Karl Kraus hat ihn nicht gemocht. Vielleicht waren die Temperamente der beiden einander zu ähnlich. Auch Walther Rode war ein gnadenloser Spötter und messerscharf argumentierender Sprachkünstler; auch er zog als angreifender Verteidiger alle Register seiner rhetorischen Orgel. In seiner Rolle als Anwalt – in der er den erpresserischen Pressezaren Imre Békessy vertrat, das Kraus'sche Feindbild schlechthin – stand Walther Rode mitunter auf der falschen Seite. In der Fackel mokierte sich Kraus über "das Reinheitsideal dieses Kämpen, gegen dessen polemische Kraft ich ein Schlucker bin" und "der mit der eisernen Hand eines Götz von Berlichingen schreibt und wie der Abraham a Santa Clara spricht, was bei Juden selten ist". Anton Kuh hingegen rühmte ganz unironisch die "Genitalkraft" von Rodes Sprache, und Kurt Tucholsky nannte Rodes Buch "Justiz" (1929) eine "Herzerfrischung" und verlangte, die deutschen Anwälte sollten sich am Mut ihres Wiener Kollegen ein Beispiel nehmen.
Der Rechtsanwalt Gerd Baumgartner hat nun eine vierbändige Ausgabe des als Walther Rosenzweig 1876 in Czernowitz geborenen "Pamphletisten" herausgegeben, die alle Bücher und Broschüren sowie eine Auswahl der Feuilletons versammelt, vor allem jedoch als Band vier eine vorzüglich geschriebene und recherchierte Biografie enthält, in der der Herausgeber rund um Rode ein fesselndes historisches Panorama entwirft.
Im hochbrisanten "Friedjung-Prozess" des Jahres 1909 stand der junge Advokat aufseiten der Peripherie; hier geschah die Demontage eines immerhin vom k. u. k. Außenminister beauftragten Historikers, der mithilfe von gefälschten Dokumenten hochverräterische Umtriebe der Südslawen behauptete und so die Annexion Bosnien-Herzegowinas rechtfertigen sollte. Rode war mit seiner Ehrenbeleidigungsklage für einen Agramer Politiker siegreich. Mit derselben Verve vertrat er einige Huren, die – mit Duldung der korrupten Polizei – von ihrer Bordellwirtin buchstäblich versklavt worden waren. Zu Beginn des Weltkrieges erlebte er als Mitglied eines Militärgerichts in Laibach das tödlich blinde Wüten der schwarzgelben Kriegsjustiz gegen vermeintliche Verräter.
Seine ersten Lorbeeren als Autor erwarb sich Rode in der Anfang Jänner 1918 gegründeten radikalen Zeitschrift Der Friede, zu deren Mitarbeitern auch Polgar, Broch, Musil, Kisch und Werfel zählten. Nach der Ausrufung der Republik gehörte der Liberale Rode zu den wenigen Nichtlinken, die der Monarchie keine Träne nachweinten. In der Streitschriftensammlung "Österreichs fröhliche Agonie" (1926) beklagt er dennoch die "Plankenwirtschaft" der auf ehemals habsburgischem Boden errichteten Grenzen: "Wann werden die Drahtzäune fallen, mit denen die Staaten Europas sich umgeben, die Grenzburgen niedergelegt werden, die der Lokomotive lange Rast, den Reisenden den Offenbarungseid gebieten? Das Ertragen dieser schmachvollen Aussperrung (...) beweist die totale Talentlosigkeit der europäischen Menschheit zur Revolution."
Walther Rodes Schriften sind etwas für rebellische Gemüter, für lesende Rechtsanwälte und für Liebhaber historischer Kriminalfälle. In allem ging Rode aufs Ganze. Als Verteidiger hat er das Auge des Taifuns förmlich gesucht und führte etwa einen spektakulären Privatkrieg gegen den Obersten Gerichtshof, den "Kassationshof". Der hatte 1925 Rodes Nichtigkeitsbeschwerde für eine unschuldig wegen Mordes verurteilte Bedienerin abgewiesen. Die Beleidigung der Hofräte brachte Rode als Angeklagten vor ein Geschworenengericht, seine Verteidigung in eigener Sache geriet ihm zum Meisterstück: "Ich bin angeklagt, zu Hass und Verachtung gegen den Kassationshof aufgereizt zu haben. Ich wollte zu Hass und Verachtung gegen den Kassationshof aufreizen, weil er, meines Erachtens, Hass und Verachtung verdient." Man sprach ihn frei – wie auch später seine Klientin.
In einem Pamphlet verlangte Rode nichts weniger als "die Ausrottung der Beamten", die er als das finanziell ruinöse Erbe der Monarchie ansah. Später legte er noch nach, indem er meinte, die Herren Beamten mögen seine Kanzlei boykottieren, ihm aber bitte kein "Material gegeneinander" schicken: "Ich bin kein Enthüller kleinerer und größerer Missbräuche und Schmutzereien. Ihre Menschlichkeiten, ihre Verfehlungen verzeihe ich Ihnen allen. Nur eines kann ich Ihnen nicht verzeihen: Ihre Existenz."
1928 nahm Rode Abschied von der Advokatur und von Österreich und übersiedelte in die Schweiz. "Den Pamphletisten kann man töten, aber weder einschüchtern noch absetzen", hatte er dekretiert. 1931 erschien sein bestes Buch, "Knöpfe und Vögel", ein "Lesebuch für Angeklagte", aus dem man lernen kann, wodurch sich der große Skandal vom gewöhnlichen Kriminalfall unterscheidet: Ist dieser eine "Justizangelegenheit", so ist jener eine "Staatsaktion". Die Organe der Staatsgewalt haben in der Kontrolle versagt, sie sind "vom Verbrechen angekränkelt": "Es handelt sich darum, unter Aufrechterhaltung der Fiktion der Trennung von Justiz und Politik, die Justiz mit Politik zu durchtränken. (...) Es ist noch nicht vorgekommen, dass am Ruder befindliche Regierungsleute vorgefallener Missbräuche halber von den Gerichten ihres eigenen Regimes verhaftet wurden." Überdies gilt: "Jeder Skandal dauert drei Tage, dann kommt ein anderer."
Rodes "Macchiavelli für Angeklagte" (Anton Kuh) gibt in Wahrheit "Anleitungen für jedermann, der in der Greifweite der Behörden lebt". Es ist eine an den französischen Moralisten und an Schopenhauer geschulte Menschenkunde von einschüchterndem Scharfsinn und, wie Kuh es ausdrückte, "lodernder Bündigkeit", eine witzige, historisch unterfütterte Typologie. Die "Knöpfe", das sind die gesetzestreuen Langweiler, in deren Schlingen sich zuweilen jene "Vögel" fangen, welche sich über das Gesetz erheben. Rodes Sympathie gilt augenscheinlich einem think big des Verbrechens, wobei eine gewisse Diskrepanz zu seinem hinter der gebändigten Wut erkennbaren Moralismus auffällt: "Der kleine, versteckte Betrieb wildelt. Wer straflos delinquieren will, muss sich zur Institution ausgestalten." Denn: "Justiz hat mit Gerechtigkeit nichts zu tun." Für Rode ist, ähnlich wie für Albert Drach, die Anklagebank nur ein Bild für die existenzielle Verstrickung – ein jeder "Komplice der großen Strafsache: Mensch".
Zu Hitler fiel dem Emigranten, im Gegensatz zu Karl Kraus, übrigens sehr bald etwas ein, das er auch publizierte: die Abrechnung "Deutschland ist Caliban", die 1934 das Dritte Reich als "Mördergrube" und "Diebshöhle" entlarvte. Im selben Jahr starb Walther Rode im Tessin – beim Tanz, angeblich just mit dem Ausruf "Finalmente!".

Daniela Strigl in FALTER 11/2008



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