Die Vogelklasse. Prosa

Bora Ćosić


Das fliegende Klassenzimmer

Der in Zagreb geborene und in Belgrad aufgewachsene Bora CosicŽ, Jahrgang 1932, schrieb über dreißig Bücher und wird seit der Übersetzung der satirischen Familienchronik "Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution" (1994) auch von deutschsprachigen Verlagen wahrgenommen. Seit er Mitte der Neunzigerjahre nach Berlin zog, veröffentlicht er in Zeitungen Essays über die Avantgarden Exjugoslawiens, über das Nahverhältnis Serbiens zu Russland oder den Alltag der Fünfzigerjahre.
Stets lässt CosicŽ auch persönliche Erinnerungen einfließen, etwa an den Gemischtwarenladen, den sein Vater in der kroatischen Provinz betrieb. Er betrachtet solche unscheinbaren Orte als exemplarische Ordnungssysteme. "Ich bin überzeugt, dass ein solches Geschäft eine Konstruktion besitzt, die strukturalistisch, manchmal philosophisch ist", schreibt CosicŽ, der in "Die Reise nach Alaska" (2007) einen Besuch in seiner Heimat schildert, die er 1992 aus politischen Gründen verließ. Die Fächer für Zimtstangen und Kandiszucker könne man etwa mit den Kategorien von Aristoteles oder Kant vergleichen. Er habe eigentlich nie wirklich gelebt, schreibt CosicŽ, weil er immer in dieser "Gemischtwarenhandlung der Buchstaben, Worte und ihrer Bedeutungen" beschäftigt war.
In seinem jüngsten Buch "Die Vogelklasse" betritt CosicŽ nun ein weiteres Terrain der Kindheitsmythologie, die Schule. Auch hier bewegt er sich in einem Bleistiftgebiet, errichtet ein kunstvolles Gebäude aus Reflexionen, Erinnerungen und literarischen Gattungssplittern. Ein gemütliches, mit biografischen Anekdoten möbliertes Zimmerchen darf man sich nicht erwarten.
Jedes schulische Leben sei "eine Form aus der Literaturtheorie, die sich auf ihre besondere Weise manifestiert", heißt es einmal in diesem dichten Text, der vor allem von einer sehr rhythmisierten Sprache vorangetrieben wird. Das Hüsteln, die Blässe und Brillen der Gymnasiasten sind Realien dieser Collage, die zeitlich in einem unbestimmten Gestern angesiedelt ist. Teil eines antiautoritären Schulexperiments ist CosicŽs "Vogelklasse" jedenfalls nicht.
Die Schule, das Klassenzimmer oder die Schulbank werden nicht als konkrete biografische Ort beschrieben, sondern als metaphorisch aufgeladene Begriffe verwendet, die "Positionen in der Welt" markieren. Den Kategorien "groß" und "klein", "erwachsen" und "heranwachsend" kann man ebenso wenig entrinnen wie der Ereignislosigkeit dieser Lebensphase. Als "Verbannter und Obdachloser" sieht sich das Ich dieses Prosastücks. Seine Konturen bleiben ebenso vage wie die beschriebenen Räume; manchmal tritt auch das "Wir" der Menschheit an seine Stelle.
Ähnlich wie bei der Lektüre von Gedichten kann man sich nie einem textvergessenen Erzählfluss hingeben, konkrete Begriffe werden von Genitiven in eine metaphysische Bedeutungsbahn gelenkt. Da ist von der "Provinz unseres Lebens", "Büscheln der Wirklichkeit" und den "Sibirien unserer Kindheit" die Rede. Da passiert es leicht, dass die Plattennadel des Lesers aus den Rillen des Textes springt.
Nach der Art des verträumten Schülers imaginiert der Erzähler überschwemmte Klassenräume, springt in seiner Biografie nach vor, um in der Schulklasse retrospektiv eine Art Kompressionskammer menschlicher Befindlichkeiten zu erkennen. Einmal ist die Klasse eine Gruppe von Personen, die nach einer Razzia zusammengespannt ist, dann das Ergebnis einer Mobilisierung durch das Militär; Schulbänke mutieren zu Laufhürden, Klassenräume werden mit Sanatorien und Krankenzimmern verglichen, pessimistisch wie das 19. Jahrhundert bewegen sich die Begriffe wie Wissen oder Bildung in der Nähe von Konspiration und Infektion. Wie Vögel in einem Käfig schlagen die Gymnasiasten gegen die Drähte, von denen sie eingeschlossen sind. Die Gymnasialklasse wird zur Stammzelle einer Strafkolonie, die in einer chiffrierten Topografie der Ukraine oder Sibiriens angesiedelt und also dem Licht der Aufklärung abgewandt ist. Die zum Erwachsenwerden Verurteilten und zu Zwangsgemeinschaften Zusammengeschlossenen lässt der Autor in einem literarischen Bermudadreieck verschwinden, dessen Eckpunkte Tschechow, Kafka und Beckett heißen könnten.

CosicŽ ergründet den Bauplan von Erinnerungen – etwa anhand eines Klassenfotos. Das Gewimmel einer Schülergruppe erstarrt, die kalte Hand des Fotografen richtet die Schüler her wie "gefrorenen Kabeljau". Das Betrachten des Klassenfotos vergleicht CosicŽ mit einer Konservendose, die man nach dem Öffnen beschnuppert, ob sie noch ihre Gültigkeit bewahrt hat. "Aufzeichnungen eines kleinen Tiers" ist ein anderer Begriff für die Protokolle dieser Gedächtnissonden.
Der Text ist in 36 kurze Kapitel unterteilt, ein Takt, den man mit der Zellenstruktur eines Internats vergleichen kann. Kalt ruft der sich existenzphilosophisch gebärdende Erzähler auch jenen Mitschüler auf, der sich "unverhofft" in einer Ecke aufgehängt hat.
Mit "Die Vogelklasse" hat CosicŽ hat eine Art kubistischer Fabel geschrieben, die eine imaginäre Zensurbehörde unterlaufen möchte. Der Leser wird zu mehrmaligem Lesen verurteilt, bis er begreift, dass sich dieser Text gegen die Diktatur der Erinnerung auflehnt.

Matthias Dusini in FALTER 11/2008



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