Und machte mich auf meinen Namen zu Suchen. Peter Handke im Gespräch mit Michael Kerbler

Peter Handke, Michael Kerbler


Einsam und solidarisch

Mit fast 250 Schriftstücken, vor allem Karten zweier Autoren, die auf ihre solitäre (und eben auch gemeinsame) Weise den großen Aufbruch der österreichischen Literatur in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts geprägt und gefördert haben, zeigt diese gewiss nicht vollständig erhaltene, jedoch in sich ungekürzt veröffentlichte Korrespondenz aus vierzig Jahren eine erstaunliche und angenehme Distanz zum Literaturbetriebsgehabe und den entsprechenden Selbstinszenierungen. Tritte für Dritte bleiben nicht aus; sie wurden nicht gestrichen: Für die Betroffenen mag das mitunter schmerzhaft sein, für Voyeure ist aber nichts zu holen; im Gegenzug bleiben dafür auch die Schwächen der Schreibenden ausgestellt: zu deren schönsten gehören "Schauen und Trinken" sowie Frauen und Wein.
Von Handkes erstem Brief an Emil Breisach aus dem August 1965 – ein Ansuchen um Fahrtgeld nach Frankfurt zum Suhrkamp Verlag, der eben das Manuskript des Romans "Hornissen" angenommen hat – bis zur hier letzten Karte Handkes an den Mitbegründer und -herausgeber der manuskripte, Alfred Kolleritsch – ein zärtlicher Abschied von dem 2005 verstorbenen Wolfgang Bauer – dauert die Schreibzeit dieses Bandes. Nicht nur durch dieses Ende fällt ein klares Spätlicht auf das Ende einer Ära, ohne damit die Schreibenden um ihr Alterswerk bringen zu wollen – ganz im Gegenteil: We want more. In den entsprechenden Interviewäußerungen oder durch die Regelung der Vorlässe sind in Hinblick auf die eigenen Besitzstände die entsprechenden Zeichen gesetzt worden. Vitaler und ermutigender sind jene Zeichen, die beide Briefpartner nach wie vor, naturgemäß auch nicht immer ohne Anzeichen von Melancholie und Müdigkeit, für junge Autoren und Autorinnen setzen: Neugier, Entdeckerlust, Empfehlungen, Veröffentlichungen, Lob- und Preisreden. Möge dieses Erbstück "literarischen Lebens" nicht verschwinden!
Der Briefwechsel, versehen mit einem Nachwort von Alfred Kolleritsch, in dem dieser seine eigene Person ganz zurücknimmt, ist auch ein bedeutendes Zeugnis der Freundschaft in einem von Konkurrenz zerfressenen Betrieb. Begabt für die (Gast-)Freundschaft wie wenige hat Kolleritsch im südsteirischen Brunnsee seinem herumstreunenden Schreibgenossen wiederholt einen Ruhepunkt geboten – es ist geradezu der Ort dieser Dichterfreundschaft. Die Schwierigkeiten im Umgang mit dem Berühmteren führen nur selten zu Verstimmungen: Kolleritsch überlässt dem Jüngeren neidlos den Vortritt, spart nicht mit Lob; Letzteres gilt indes auch für den Gelobten, der das Gewicht seines Namens selbstlos einsetzt – nicht nur für diesen Freund. In einer schwierigen finanziellen Situation der manuskripte offeriert Handke auch Geld, um diese Zeitschrift zu erhalten, die in vieler Hinsicht zum Lebenswerk seines Freundes gehört. Reflexionen über das Schreiben, Programmatisches findet sich nur selten und indirekt – beispielsweise in Kommentaren zu einzelnen Heften oder Beiträgen in der Zeitschrift oder in Bemerkungen zu den vorgeschlagenen Preisträgern des Petrarca- bzw. Hermann-Lenz-Preises.
Handke hat vor kurzem in einem der aufschlussreichsten Gespräche der letzten Zeit – mit Michael Kerbler – der "gefährlichen Heimat" des Schreibens die andere Heimat (das Dorf der Herkunft; Österreich) angefügt, von der die Erfahrung des Fremdseins nicht ablösbar ist. In einem prägnanten Bild vergleicht Handke das Schreiben mit dem Versuch, einen Haselstock so zu werfen, dass er auch im trockenen Boden steckenbleibt: "Und das ist wie ein Satz. So stell ich mir manchmal auch das Schreiben vor: Es muss scharf sein und zugleich das Zittern – das ist sehr, sehr wichtig, dieses Zittern der Existenz, des Menschen, in der Literatur. Das ist Literatur."

Karl Wagner in FALTER 11/2008



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