Geist auf Abwegen. Alzheimer, Parkinson und Co. - Von den Wegbereitern der...

Douwe Draaisma, Verena Kiefer, Stefan Häring


Alzheimers Zweifel

Zwischen zwei Impfungen gegen Tropenkrankheiten, die ich mir auf einem Zwischenstopp in Abu Dhabi verpassen ließ – übrigens um ein Viertel des hiesigen Preises –, wurde ich vom Arzt, einem Inder, auf meinen Familiennamen angesprochen: Ich würde doch sicher das Löffler-Syndrom kennen, eine Form der Lungenentzündung. Bedaure, musste ich antworten, nie gehört. Wie ich mittlerweile dank der Website www.whonamedit.com weiß, gibt es mehr als 8000 nach Medizinern benannte Krankheiten. Die meisten Eponyme, also Gattungsbezeichnungen, die auf einen Personennamen zurückgehen, wurden im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert vergeben. Viele dieser Namen sind nicht mehr üblich und durch die von der Fachwelt heute bevorzugten beschreibenden Bezeichnungen oder deren Abkürzungen wie Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), früher als Charcot-Krankheit bekannt, ersetzt worden.
Der Londoner Gemeindearzt James Parkinson ruhte bereits ein halbes Jahrhundert unter der Erde, als die 1817 von ihm beschriebene Schüttellähmung nach ihm benannt wurde. Zwischen der Erstbeschreibung einer durch Eiweißablagerungen und Verknäuelungen im Gehirn verursachten Demenz 1907 und der ersten Erwähnung der "Alzheimer-Krankheit" in einem Lehrbuch vergingen dagegen nur drei Jahre. Alois Alzheimer war es zu viel der Ehre, blieben doch seiner Meinung nach zu viele ungeklärte Fragen. Als er nur fünf Jahre später starb, erwähnte keiner der Nachrufe das heute sprichwörtlich gewordene Altersleiden, sondern stets seine Rolle bei der Erforschung der Syphilis.
Seinen Zeitgenossen Georges Gilles de la Tourette etwa hat die Syphilis dahingerafft. Dass uns der französische Psychiater heute noch ein Begriff ist, verdanken wir vor allem einem New Yorker Arzt, der sich in den Siebzigerjahren mit Unterstützung einer Pharmafirma daran machte, das Tourette-Syndrom, eine neuropsychiatrische Erkrankung, die durch das Auftreten von Tics charakterisiert ist, zu propagieren. Mittlerweile wird es in einigen Gegenden in epidemischem Ausmaß diagnostiziert. De la Tourette selbst hatte es für unheilbar und eine Folge fortschreitender Degeneration gehalten. Sein eigentliches Interesse aber hatte der Hysterie gegolten. Mit dem Tic hatte er sich nur nebenbei anhand eines bereits sechzig Jahre zuvor von Jean Marc Itard beschriebenen Falles beschäftigt.
Douwe Draaisma, Psychologiehistoriker an der Uni Groningen, vermerkt in seiner nie langweilenden Porträtsammlung von zwölf als solchen mittlerweile berühmten Namensgebern, dass der Ruhm längst nicht immer denjenigen gilt, die etwas entdeckt haben. Der Statistiker Stephen Stigler meinte gar, keine wissenschaftliche Entdeckung sei nach ihrem ursprünglichen Entdecker benannt. Weil dies aber der Wissenschaftssoziologe Robert Merton schon vor ihm erkannt hatte, stand nichts im Weg, die Einsicht als "Stiglers Gesetz" (Gesetz der Eponyme) in die Geschichte eingehen zu lassen.

Stefan Löffler in FALTER 11/2008



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