Lexikon der populären Ernährungs-Irrtümer. Missverständnisse, Fehlinterpretationen und Halbwahrheiten...

Udo Pollmer, Susanne Warmuth


Hinweise des Appetits

Biolebensmittel sind nicht gesünder als Nahrungsmittel aus konventionellem Anbau, schmecken nicht leckerer und sind auch nicht besser für die Umwelt. Einzig die Tierhaltung der Biobauern ist oft, aber keineswegs immer besser als die in der konventionellen Landwirtschaft. So lautet die Bilanz der Wissenschaftsjournalisten Dirk Maxeiner und Michael Miersch in ihrem neuen Buch "Biokost & Ökokult. Welches Essen ist wirklich gut für uns und unsere Umwelt". Wer also bis dato geglaubt hat, er dürfe sich zu "den Guten" zählen, weil er im Supermarkt zum Jogurt mit dem Biosiegel greift oder sich gar wöchentlich ein Kistl mit Karotten und Sellerieknollen vom Biobauern vor die Wohnungstür stellen lässt, bekommt mit diesem "Aufklärungsbuch" eine ordentliche Watschn. Bio wird als Marke entblößt, die nicht anders als Calvin Klein oder Porsche Gefühle und Sehnsüchte der Kunden bedient. Wer Bio kaufe, verbinde das vor allem mit dem Schönen, Guten, Gesunden und mit besonderer Qualität. Die Autoren versuchen aufzuzeigen, dass diese hehren Wünsche nur wenig mit der Realität zu tun haben.
Stichwort Gesundheit: Keine einzige Studie konnte nachweisen, dass Bioprodukte tatsächlich gesünder seien als andere, schreiben die Autoren. Selbiges gelte für den Geschmack: Alle Blindverkostungen würden beweisen, dass man Bio nicht schmecken kann. Und die Umwelt? Auch da stehe Bio weit weniger gut da als gemeinhin angenommen. Zum Beispiel müsse in der Biolandwirtschaft für den gleichen Ertrag mehr Naturland in Agrarflächen umgewandelt werden. Auch könne die wachsende Weltbevölkerung allein mit Bioanbau nicht gesättigt werden. Und: Moderne Pestizide seien ökologisch weit weniger problematisch als die biologische Schädlingsbekämpfung, wo z.B. Kupfer eingesetzt werde, das den Boden verseuche. Manchmal scheinen die Argumente der Autoren dann doch etwas sehr isoliert: Bioschweine und -geflügel leben länger (weil sie nicht so schnell aufgemästet werden) und verbrauchen daher mehr Futter und Wasser, und dazu scheiden sie im Laufe ihres längeren Lebens mehr Fäkalien aus. Wer kürzer lebt, kostet weniger, das ist sicher richtig. Ob das Argument auch Tierschützer überzeugt?
Die Autoren schreiben gegen festgefahrene Meinungen bezüglich der Überlegenheit von Bio an und überprüfen Vorstellungen abseits von Gefühlen und Glaubenssätzen. Das ist allemal begrüßenswert. Wenn sie sich aber gegen Panikmache in den Medien aussprechen, müssen sie sich denselben Vorwurf gefallen lassen: Sie beherrschen das Geschäft mit der Angst nicht minder gut. Zum Beispiel weisen sie, um die Risiken von Roh- bzw. Biomilch zu verdeutlichen, darauf hin, dass im Juli 2007 die Baby-Biokost-Firma Hipp eine Rückrufaktion für Säuglingsmilch startete, weil diese mit Keimen des Typs Enterobacter sakazakii belastet war. "Dieses Bakterium kann bei Kleinkindern Hirnhautentzündung oder schwere Darmentzündungen hervorrufen. Erkrankte Babys sterben in dreißig bis achtzig Prozent der Fälle", klären sie auf. Im selben Atemzug nennen sie eine Studie der Uni Bern, die zeigte, dass in Biomilch mehr Mikroben leben und dass Rohmilch auch den Erreger der Gehirnhautentzündung FSME enthalten kann. Hier werden falsche Zusammenhänge suggeriert. Zum einen ist Babymilchpulver keine Rohmilch, anderseits riefen 2007 mehrere Hersteller (auch solche, die nicht Bio anbieten) Anfangsnahrung wegen besagten Bakteriums zurück. Abgesehen davon, dass das von Hipp zurückgerufene Produkt gar nicht aus der Biolinie des Unternehmens stammte ... Aber Babykost eignet sich eben immer wieder hervorragend, um Panik zu erzeugen. So bleibt nach der Lektüre des Buches neben den vagen Bedenken, ob man das Biojogurt im Kühlschrank (Mikroben?) besser verzehren oder in den Abfluss kippen sollte, ein bisschen das Gefühl, hier würden alte Dogmen gegen neue ausgetauscht.
Ebenfalls an populären Glaubenssätzen kratzt ein anderes Autorenteam: Der Lebensmittelchemiker und Wissenschaftsjournalist Udo Pollmer und die Biologin Susanne Warmuth erregten bereits 2000 mit dem "Lexikon der populären Ernährungsirrtümer" Aufsehen. In der aktualisierten Neuausgabe sind neue "Irrtümer" dazugekommen, etwa über das vielbesprochene "Gammelfleisch".
Die Autoren prangern darin viele heute in der Ernährungswissenschaft bzw. -medizin anerkannte Thesen als falsch an. Zum Beispiel die Vorstellung: "Wer gesund isst, ist gesünder." Zwei große Studien, darunter eine amerikanische Studie an 120.000 Krankenschwestern, hätten ergeben, dass Ernährungsgewohnheiten keinerlei Einfluss auf die Entstehung chronischer Krankheiten haben. Besonders hart ins Gericht gehen Pollmer und Warmuth mit den Ernährungswissenschaftlern: Diese zögen ihre Schlüsse vor allem aus Statistiken, indem sie Ernährungsgewohnheiten und Krankheiten in Korrelationen setzten. Genauso gut könnte man in der Tatsache, dass in Norddeutschland zeitgleich die Störche und die Geburten zurückgingen, einen Zusammenhang sehen, spotten die Autoren.
Dass die Empfehlungen der Ernährungswissenschaft in den letzten Jahrzehnten nicht so fruchtbar waren, wie sich die Experten das vielleicht erhofft hatten, ist evident. Trotzdem zeichnen sie hier ein gar simples Bild von der Ernährungswissenschaft. Auch ob Essstörungen wie Anorexie und Bulimie wirklich nur "eine mittelbare und unbeabsichtigte Folge der Ernährungsaufklärung" sind, wie sie behaupten, ist fraglich. Dennoch: Das Buch bietet einen interessanten Einblick in das Zustandekommen vieler der heute gängigen Ernährungsempfehlungen. Und es stimmt: Studien in Bezug auf die Ernährungsgewohnheiten sind (das gilt auch für die von den Autoren zitierten) oft weit weniger hiebfest, als die exakten Zahlen, die dabei herauskommen, zunächst suggerieren.
Auch der Empfehlung, alle Ernährungsratgeber und Kalorientabellen zu entsorgen, ist angesichts der Erfolglosigkeit der meisten Diäten etwas abzugewinnen. Die von Pollmer und Warmuth empfohlene Alternative? "Achten Sie doch mal wieder auf die freundlichen Hinweise Ihres Appetits und benutzen Sie den gesunden Menschenverstand als Korrektiv bei allen Verlockungen und Verboten, gleich welcher Art." Klingt schön. Ob das den adipösen Menschen hilft, deren Appetit sich auf Pommes und Co eingespielt hat und die sich mit ihrer Fettleibigkeit nicht abfinden wollen, ist eine andere Frage.

Sabina Auckenthaler in FALTER 11/2008



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