Lexikon der Islam-Irrtümer. Vorurteile, Halbwahrheiten und Missverständnisse von...

Alfred Hackensberger


Allah und die anderen

Manche Dinge sind einer kritischen und differenzierten Diskussion eher abträglich. Die Anschläge vom 11. September 2001 bildeten den Auftakt für eine neue Ära der weltpolitischen Unsicherheit. Es folgten Kriege, Terroranschläge, imperiale Ambitionen von Supermächten und wachsende Ambitionen von Schurkenstaaten – all das machte die Einordnung der vergangenen Ereignisse in einen religionswissenschaftlichen Kontext nicht gerade leichter. Der Islam sei per se böse und gewaltbereiter als etwa Christen- oder Judentum, heißt es von der einen Seite des Atlantiks. Die andere entgegnet: Der Islam sei lediglich vorgeschobene Rechtfertigung der Terroristen und habe als Religion ganz und gar nichts mit Krieg und Terror zu schaffen. Es klingt klischeehaft, aber es lässt sich wohl nicht anders sagen: Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.
Gewiss: Im Gegensatz zu einem demokratischen System rechtfertigt eine Religion – nicht nur der Islam, sondern die Religion an sich – ihre Existenz mit mehr als nur der eigenen Notwendigkeit. Man lebt und stirbt ja mehr oder weniger im Dienste Gottes. Und was Gott will, ist recht breit interpretierbar. In diesem Sinn trägt also jede Religion zumindest mehr Gewaltpotenzial in sich als etwa westlich-liberale Gesellschaftssysteme. Aber berücksichtigt man nur diesen Maßstab, dann hätte das Christentum mit Kreuzzügen und Inquisition längst seine Existenzberechtigung verloren. Der Islam ist weder Kriegs- noch Friedensreligion. Er besteht aus einer Vielzahl von Strömungen, Richtungen, Denkweisen und Auslegungen. Ebenso wie die anderen Weltreligionen. Wer also dem Islam gerecht werden will, der sollte am besten die vergleichende Methode anwenden.
"Gewalt als Gottesdienst", die soeben erschienene Studie des deutschen Religionswissenschaftlers Hans Kippenberg, untersucht aus diesem Grund die Gewaltbereitschaft mehrerer Religionen seit der Nachkriegszeit. Kippenberg geht dabei auf gewalttätige Auswüchse des US-amerikanischen Protestantismus ebenso ein wie auf radikale Schiiten im Iran und im Libanon oder den Fundamentalismus zionistischer Siedler in den besetzten Gebieten Israels. Detailreich und fundiert beschreibt er die wachsende Macht der iranischen Ayatollahs nach der Revolution 1979 oder die pseudoreligiösen Heilsbewegungen der amerikanischen Hippieära, die in blutigen Massakern mündeten – beispielsweise 1993 in Waco, Texas, oder 1979 in Jonestown im südamerikanischen Guayana. Er schildert, wie evangelikale Anhänger der "Peoples Temple" – jene, die später in Jonestown kollektiven Selbstmord begingen – in Kalifornien neue Mitglieder warben. Dort hatten "viele der amerikanischen Kultur den Rücken gekehrt" und "ideale Bedingungen für alternative Gemeinschaften gefunden".
Man fühlt sich an die Kommune des Österreichers Otto Mühl erinnert: Auch Flower-Power kann offenbar den Boden für quasitotalitäre Strukturen schaffen. Kippenberg beschreibt nicht nur an diesem Beispiel, wie gerade in der totalen Freiheit der Radikalismus gedeiht. Im vorrevolutionären Iran dagegen hatte eine überhastete Modernisierung der Bevölkerung ihren Zusammenhalt geraubt, was den Spielraum des Fundamentalismus erweiterte: "In den überbevölkerten Städten (des Iran, Anm.) waren es die religiösen Netzwerke, die (...) willens waren, die Entwurzelten und Enttäuschten aufzufangen."
Kippenberg durchsucht diese doch recht unterschiedlichen Phänomene auf ihre Gemeinsamkeiten. Die Mudschaheddin im Afghanistankrieg dienen ihm ebenso als Forschungsmaterial wie die manchmal religiös legitimierten Entscheidungen in der neukonservativen US-Politik oder erwähnte Zionisten und Evangelikale. Der gemeinsame Nenner dieser Bewegungen ist Kippenberg zufolge der "Machtzuwachs religiöser Vergemeinschaftung": Religion löst ihm zufolge staatliche Ordnungen ab, die "in Krisen und Kriegen zerbrechen". Oder sie geben Halt in Zeiten eines Wirtschaftssystems, das die "Individualisierung der Risiken des Lebens" begünstigt.
Darüber kann man streiten. Genauso plausibel klingt jedenfalls die Annahme, dass das Gewaltpotenzial in Gottes Namen immer gleich hoch ist – und in gefestigten Gesellschaften genauso viel Schaden anrichten kann wie in porösen. Das bestätigt beispielsweise ein Blick auf die spanische Inquisition, die der Machtzementierung des Königshauses diente und nicht Resultat eines bröckelnden Systems war – ganz im Gegenteil. Aber die Lektüre von "Gewalt als Gottesdienst" lohnt sich auch, wenn man Kippenbergs Hauptthese skeptisch betrachtet: Das Buch vermittelt Hintergrundwissen und Zusammenhänge, es ist ansprechend geschrieben und hervorragend recherchiert.
Eine andere Neuerscheinung zur Islamdebatte erfordert mehr Überwindung bei der Lektüre: Wer sich in Youssef Courbages und Emmanuel Todds Buch zur Bevölkerungsentwicklung in islamischen Staaten, "Die unaufhaltsame Revolution. Wie die Werte der Moderne die islamische Welt verändern", vertiefen will, braucht große Liebe zu demografischen Tabellen und möglichst profundes einschlägiges Vorwissen. Der syrische und der französische Historiker beschreiten einen anderen Weg als Kippenberg: Nicht die wachsende Stärke religiöser Gemeinschaft, sondern die Erkenntnis des eigenen Anachronismus begründet ihnen zufolge die Gewalt des Islamismus.
"Einen Kampf der Kulturen wird es nicht geben", schreiben Courbage und Todd, denn die Gewalt sei ein Auswuchs der "letzten Zuckungen einer sterbenden Ideologie". Als Beleg für diese These dienen die Geburtenraten im islamischen Raum: Sie liegen zwar weit auseinander: zwischen 7,6 (im Niger) und 1,7 (in Aserbaidschan) Kindern pro Frau. Doch alle haben eines gemeinsam: Seit etwa dreißig Jahren ist ein drastischer Geburtenrückgang zu beobachten, der, so die Autoren, aus einem sozialen Wandel resultiert, mit dem auch andere Veränderungen einhergehen – Veränderungen, die den Werten des traditionellen Islam oft entgegengesetzt sind, wie etwa die wachsende Emanzipation der Frau.
Courbage und Todd postulieren eine Entwicklung, die – griffig formuliert – "von der Alphabetisierung über die Verhütung zur Revolution" führt. Das ist nachvollziehbar und schlüssig – und dennoch: Mit wahrer Leidenschaft werden wohl nur studierte Demografen "Die unaufhaltsame Revolution" verschlingen. Ein Wörterbuch mit demografischen Fachausdrücken sei jedenfalls als Begleitlektüre anempfohlen.
Viel näher am politischen Tagesgeschehen liegt "Der falsche Krieg" von Olivier Roy. Fundiert und in journalistischer Manier erklärt der französische Politikwissenschaftler die Gründe für den Irakkrieg, das Scheitern der Demokratisierung im Gazastreifen, in Afghanistan und im Irak und den Mythos von – wie Roy es bezeichnet – "Eurabia". Diese Wortneuschöpfung aus "Europa" und "Arabien" ist Schlagwort für die Islamisierung Europas. "In der Rede von Eurabia verbindet man die Muslime Europas mit Konflikten im Ausland, die sie selbst indes gar nicht beschäftigen", meint Roy – und zeichnet als Widerlegung der Stereotype vom radikalislamischen Schläfer in Europas Städten ein differenzierteres Bild der islamischen Gesellschaften. Darin geht er auf nationale, regionale und konfessionelle Eigenheiten ebenso ein wie auf die allgegenwärtigen Verschwörungstheorien, das Clanwesen, den arabischen Nationalismus oder – als dessen Gegenkonzept – den Panislamismus. Alles, was in keinem Zeitungskommentar mehr Platz findet und doch als Grundlagenwissen unentbehrlich ist –, es steht in "Der falsche Krieg".
Von der Wissenschaft zur Populärwissenschaft: Der deutsche Journalist Alfred Hackensberger hat ein "Lexikon der Islamirrtümer" geschrieben. Die aufzuklärenden Irrtümer reichen von "Al Jazeera ist ein islamistischer Sender" über "Die Beschneidung von Frauen ist eine Tradition des Islam" bis zu "In islamischen Ländern gibt es keine Prostitution". Die Auseinandersetzung mit ihnen soll laut Verlagsinformation "Einblicke in die Vielfalt, Dynamik und Moderne der muslimischen Welt geben und zeigen, warum der viel zitierte Kampf der Kulturen eine Erfindung der westlichen Medien ist". Das ist gut gemeint. Trotzdem: Bei der Mehrzahl der Beispiele handelt es sich um so grundlegende Irrtümer, dass sich der Verdacht einschleicht, dass jene Leute, die diese immer noch hegen, auch kein Interesse daran haben, sie jemals aufzuklären. Wer beispielsweise den Unterschied zwischen Muslimen und Arabern nicht kennt, sollte wohl besser eine Einführung in den Islam lesen (zum Beispiel: Heinz Halm: "Der Islam. Geschichte und Gegenwart", C.H. Beck Wissen), als gleich mit der Aufklärung etwaiger Irrtümer zu beginnen. Denn um Grundlagen zu erfassen, muss man ja nicht gleich ein Buch über Vorurteile lesen.

Josef Gepp in FALTER 11/2008



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