Briefwechsel Arnold Schönberg - Alban Berg. (in 2 Bänden)

Juliane Brand, Andreas Meyer, Christopher Hailey


Schönberg sein Berg

Dass der Briefwechsel zwischen Arnold Schönberg und Alban Berg erst vor kurzem publiziert wurde – wer hätte das für möglich gehalten? Niemand zweifelt mehr an beider Bedeutung, ihre Werke werden nicht mehr als "Neue Musik", sondern als Teil des klassischen Repertoires aufgeführt. Und so hätte man doch annehmen können, dass auch die zentralen biografischen Zeugnisse der beiden längst ediert wären.
Tatsächlich erschien bereits 1987 eine Auswahl dieser Korrespondenz in englischer Übersetzung, die vollständige Ausgabe in der Originalsprache jedoch zog sich hin. Sie ist Teil einer auf sechs Bände angelegten Edition der "Briefwechsel der Wiener Schule", die um ein Haar bereits nach dem ersten Band (den Briefen Alexander Zemlinskys) eingeschlafen wäre, nun aber mit neuer Energie fortgesetzt wird. Ein Glück – denn die Korrespondenz zwischen Schönberg und Berg ist nicht nur für Spezialisten interessant. Die mögen sogar ein bisschen enttäuscht sein, denn in den nun mustergültig edierten 810 Briefen (334 von Schönberg, 476 von Berg) aus den Jahren 1906 bis 1936 ist eher wenig von der kompositorischen Arbeit die Rede. Es geht um alltägliche Angelegenheiten, um Berufliches, um Freunde und Gegner, um Krankheiten, und immer wieder ums Geld. Wir werden hineingezogen in eine schon bald existenzielle Beziehung, die tragische und komische Züge annimmt und den Stoff liefert für einen Erziehungsroman, den man zugleich als Gesellschaftsroman über die Stadt Wien lesen kann.
Die Korrespondenz beginnt mit kurzen Briefen und Kärtchen. Der zwanzigjährige Berg studiert seit einem guten Jahr bei dem um elf Jahre älteren Schönberg, sie sehen sich regelmäßig und müssen sich nur schreiben, wenn ein Termin verschoben oder eine Einladung ausgesprochen werden soll. Manchmal bittet Schönberg ganz dringend um sein Honorar oder gar um ein privates Darlehen: An solchen Stellen ahnt man schon etwas von der besonderen Vertrautheit ihrer Beziehung. So ist es kein Wunder, dass Schönberg Berg zu seinem informellen Statthalter erklärt, als er 1911 Wien in Richtung Berlin verlässt, wo er bis zum Ausbruch des Krieges 1914 unterrichtet. Berg soll fortan Schönbergs Interessen in Wien vertreten und ihn laufend über die dortigen Ereignisse informieren. Das gibt Stoff für viele lange Briefe.
Vorher aber will der Umzug bewältigt sein. Schönberg kümmert sich um nichts, Berg muss einen günstigen Spediteur finden, Strom und Gas abmelden, Streitigkeiten mit dem Vermieter austragen. Nun kennt man ja viele Porträts, auf denen Alban Berg immer etwas entrückt in die Welt blickt: So jemandem sollte man eigentlich keinen Umzug überlassen. An der Korrespondenz dieser Monate lässt sich zum ersten Mal jenes Muster erkennen, das in verschiedenartigen Ausprägungen das Verhältnis zwischen Schönberg und Berg über drei Jahrzehnte bestimmen wird. Schönberg ist mehr als ein Lehrer, er ist der Meister, wenn nicht gar der Prophet einer neuen Kunst, er steht in einer Genealogie, die von Mahler über Richard Wagner bis vielleicht sogar zu Beethoven zurückreicht. Er ist von den Regeln entbunden, die für den zivilisierten Umgang zwischen den Menschen sorgen sollen. Schönberg raunzt, schimpft, drängt, befiehlt – und Berg bedankt sich artig.
Ein heutiger Leser kann solche Verhältnisse nicht nachvollziehen. Man darf freilich nicht unterschätzen, wie stark Schönberg und Berg, auch in ihrem Bewusstsein als Erneuerer der Kunst, dem religiös imprägnierten Kunstbegriff des 19. Jahrhunderts verpflichtet waren. Im Dezember 1912 schickt Berg eine Postkarte an Schönberg, die das ärmliche Geburtshaus Mahlers zeigt. Auf die Rückseite schreibt er nur eine Frage: "Gleicht das nicht der Herberge, in der Christus geboren wurde?" Wenn Mahler Christus war, wer war dann Schönberg?
Es mag auch andere Gründe geben, dass Schönberg die Rolle des Meisters mit solcher Gnadenlosigkeit spielte. In der Leopoldstadt daheim, von eher durchschnittlicher Erscheinung, hat er sich vielleicht unsicher gefühlt gegenüber dem gutaussehenden Berg, der in Hietzing mit seiner ebenfalls gutaussehenden Frau Helene lebte, von der man munkelte, sie sei eine illegitime Tochter des Kaisers. Und Berg machte es Schönberg leicht. Man liest seine Briefe nach Berlin als genaue Protokolle des Wiener Musik- und Gesellschaftslebens zunächst mit großer Sympathie und großem Interesse. Der Bekanntenkreis reicht von Alma Mahler bis Adolf Loos, gemeinsam fährt man nach Steinhof, um Peter Altenberg zu besuchen. Auch in Berlin liest Schönberg die Fackel, Berg berichtet ihm von Kraus' Lesungen, die er nur selten versäumt.
Bergs Ton ist immer enthusiastisch und bewegt – und wenn er Schönberg seiner immerwährenden Freundschaft versichert, erinnert das manchmal an die Briefe eines Jungverliebten. Irgendwann aber reißt Schönberg die Geduld, und er bittet Berg ganz offen, sich kürzer zu fassen. Das ist natürlich unverschämt, aber ehrlich gesagt: Man versteht ihn. Berg übertreibt es mit der Devotion und mit der Ausführlichkeit – und entschuldigt sich natürlich sofort, den Meister unnötig belästigt zu haben. Als sich die Szene Jahre später wiederholt, klingt das so: "Ich weiß, dass meine Mitteilungen so uninteressant sind, dass sie Dich unmöglich zu einer Antwort anregen können."
Der raue, knappe Ton von Schönbergs Briefen kann leicht darüber hinwegtäuschen, wie sehr sich dieser um Bergs Fortkommen sorgte. Er ahnt offenbar, dass Berg in praktischen Fragen Hilfe braucht und ist wohl der Überzeugung, dass ihm mit Härte und Deutlichkeit am meisten geholfen sei. Er deckt ihn mit Aufträgen ein, denn auch Berg braucht Geld. Natürlich ist das nicht ganz uneigennützig, denn wie viele Aspiranten kommen überhaupt infrage, einen Klavierauszug etwa für die "Gurre-Lieder" anzufertigen?
Mit der erfolgreichen "Wozzeck"-Premiere im Dezember 1925 ändern sich die Verhältnisse. Schönberg besucht eine der ersten Aufführungen und schreibt dem "lieben Freund" einen ungewöhnlich langen Brief, in dem zunächst einmal alles niedergemacht wird: die Inszenierung, die Sänger, das Orchester, auch an der Partitur hat er einiges auszusetzen. Irgendwie merkt er dann aber doch, dass er das nicht abschicken kann, und schreibt am Ende: "Aber: als ganzes macht es einen sehr großen Eindruck und ich kann auf einen solchen Schüler schon stolz sein." Ab jetzt sind die beiden auf gleicher Augenhöhe, was nun aber auch nicht den wahren Verhältnissen entspricht, denn mit dem "Wozzeck" gelingt Berg ein internationaler Erfolg, den Schönberg mit keinem seiner Werke erreicht hat – bis heute nicht.
Es nimmt einen ungemein für Berg ein, dass er niemals über diesen Erfolg spricht. Dass er nun einen gewissen Wohlstand erreicht hat, erkennt man eher an Details: Aus England lässt er sich einen Ford liefern, an dessen Steuer später seine Frau sitzt, damit er während der Fahrt über die "Lulu"-Partitur nachdenken kann. Und offenbar hat er sich ein Stück weit von Schönberg befreit. Obwohl er in Sachen "Wozzeck" nun in ganz Europa unterwegs ist und es genug zu berichten gäbe, werden die Briefe seltener – und kürzer.
Beide konnten nicht ahnen, dass ihrer Freundschaft nur noch wenig Zeit bleiben sollte. Hitler vertrieb Schönberg aus Berlin nach Hollywood ("quasi ein Floridsdorf oder Mödling von Los Angeles, nur mit dem Unterschiede, dass hier diese schönen Filme hervorgebracht werden"). Für Berg stellte der Nationalsozialismus zunächst noch keine künstlerische Bedrohung dar. Im November 1934 dirigiert Erich Kleiber in Berlin die Uraufführung der "Lulu"-Suite, muss aber wenige Tage später als Operndirektor zurücktreten und verlässt bald darauf Deutschland. Am 24. Dezember 1935 stirbt Berg an einer Blutvergiftung. In seinem Kondolenzbrief an Helene Berg findet Schönberg zum ersten Mal in einem Brief offene Worte für das, was ihm der Freund seit über drei Jahrzehnten bedeutete: "Noch immer kann ich es nicht fassen, dass mein lieber Alban nicht mehr da ist. Noch immer rede ich in Gedanken mit ihm, so wie vorher, und stelle mir seine Antworten vor, und es ist mir noch immer, als ob er nur so weit von mir weg wäre, als eben Europa von Amerika."

Tobias Heyl in FALTER 11/2008



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