Die Hitzeschlacht von Lausanne. Österreich - Schweiz 1954

Kurt Palm


Scheitern als Gottesbeweis

Die Fußballeuropameisterschaft im Juni könnte, so befürchten Experten, für die unroutinierte österreichische Nationalmannschaft zu früh kommen. Drei österreichische Autoren hingegen sind bereit für das Turnier. Zwar wären Franzobel (41), Egyd Gstättner (45) und Kurt Palm (52) zu alt für Pepi Hickersbergers Auswahl. Aber die Herren befinden sich im besten Schriftstelleralter. Und mit ihrer ganzen Routine haben sie rechtzeitig vor der EM einschlägige Werke auf den Markt gebracht.
Egyd Gstättner hat bereits fast zwanzig Bücher – Romane und Kurzprosa – veröffentlicht. Aber erst seit er in der Presse und der Kleinen Zeitung Fußballkolumnen schreibt, ist sein Name auch außerhalb literarischer Insiderkreise bekannt. "Feine Fallrückzieher" heißt eine Sammlung von (überarbeiteten) Kolumnen aus den vergangenen sieben Jahren, und von der im Stil der Krone bunt-Cartoons gezeichneten Karikatur auf dem Buchcover sollte man sich nicht abschrecken lassen: Als Fußballkolumnist ist Gstättner souverän wie ein erfahrener Libero alter Schule.
Gstättner schreibt aus der Perspektive des Fans. Als Klagenfurter ist er allerdings Fan jenes Vereins, der sich derzeit Austria Kärnten nennt – und als solcher muss man sich dem Fußball mit Humor nähern, um nicht zu verzweifeln. Gstättner bringt zusammen, was eigentlich nicht zusammenpasst: Euphorie und Ironie. Zum Beispiel gelingt es dem Autor sogar, dem heiklen, weil allzu aufgelegten Thema österreichische Nationalmannschaft originelle Pointen abzuringen – etwa wenn er bereits vor dem WM-Qualifikationsspiel 2005 in Polen die Niederlage analysiert. "Der Spielverlauf wird ein unglücklicher gewesen sein", prophezeit er. Polen gewann übrigens mit 3:2.
Sachlich ist Gstättner nur ein schwerer Fehler unterlaufen, und der betrifft die Formel eins: Es war natürlich nicht Clay Regazzoni, der Niki Lauda 1976 aus dem brennenden Ferrari holte, sondern Arturo Merzario. Fußballerisch aber ist an dem Buch wenig auszusetzen. Und wie sieht Egyd Gstättner Österreichs Chancen, sich bei der EM gegen Deutschland, Polen und Kroatien durchzusetzen? "Fußball ist Religion. Der Papst ist Deutscher, der letzte Papst war Pole. Die Chancen stehen schlecht." Aber: "Sollte Österreich in der Vorrunde scheitern, wäre das immerhin ein Gottesbeweis."
Katholisch argumentiert auch Franzobel, wenn es um die Nationalmannschaft geht. "Das Nationalteam ist die Dauerbuße, die wir tun, die Plage, mit der Gott uns straft." Nach dem zur WM 2002 erschienenen Bändchen "Mundial. Gebete an den Fußballgott" liegt mit "Franzobels großer Fußballtest" jetzt das zweite Fußballbuch des Autors vor. Der Titel ist etwas irreführend, zumal es sich nicht um ein Quizspiel handelt, sondern im Wesentlichen auch um eine Kolumnensammlung – ergänzt um andere Texte, darunter ein Filmszenario, dem der Band seinen Titel verdankt und in dem sich Franzobel treffend als "Schriftstellerdribblanski" bezeichnet. Seinem Ruf als schlampiges Genie der österreichischen Literatur wird der Autor hier insofern gerecht, als das Buch vor Redundanzen strotzt. Wenn ein Autor in verstreut erscheinenden Zeitungsartikeln Anekdoten und Gedanken mehrmals verwendet, ist das in der Regel kein Problem. Wenn er sie dann aber in einem Buch zusammenfasst, sollte er (oder wenigstens sein Lektor) darauf achten, Doubletten zu vermeiden.
Abgesehen davon sind etliche von Franzobels Anmerkungen zum Fußball durchaus witzig und geistreich. Die Beobachtung, dass der griechische Nationaltrainer Otto Rehhagel "wie ein nicht Rockstar gewordener Mick Jagger" aussieht, ist ebenso überzeugend wie der Vergleich von literarischen und fußballerischen Eigenheiten des Landes. "Die Gedichte der Österreicher kommen aus der Sprache selbst, aus dem Sprachzweifel. Umgelegt auf den Fußball heißt das, dass der Fußball der Österreicher aus dem Fußballzweifel kommt, der Ironie." Als Beispiel dafür führt Franzobel ein Testspiel der Nationalmannschaft gegen eine Regionalauswahl 1954 an, in dem sich Ernst Happel beim Stand von 14:0 umdrehte und den Ball am verdutzten Nationaltormann vorbei ins eigene Tor knallte.
Diese Anekdote findet sich auch in dem Band "Die Hitzeschlacht von Lausanne", mit dem der Regisseur und Autor Kurt Palm sein erstes Fußballbuch vorlegt. Der gebürtige Oberösterreicher vergisst in keinem Lebenslauf zu erwähnen, dass er in seiner frühen Jugend Mittelstürmer beim TSV Timelkam war. Auch als Künstler ist Palm ein Stürmertyp: kein genialer Techniker, aber enorm effizient und immer da, wo der Ball ist. Mit der Idee, vor der EM in Österreich und der Schweiz ein Buch über die WM 1954 in der Schweiz zu machen, bewies Palm einmal mehr seinen Torriecher. Erstaunlich, dass es so ein Buch zum größten Erfolg der österreichischen Fußballgeschichte (Platz 3!) nicht schon längst gab. Bemerkenswert an der 54er-WM ist nicht zuletzt der Umstand, dass der Triumph den bitteren Beigeschmack der Niederlage hatte: Im Halbfinale setzte es gegen den späteren Weltmeister Deutschland – damals krasser Außenseiter! – ein 1:6-Debakel.
Davor aber, am 26. Juni 1954, hatte Österreich erfolgreich die "Hitzeschlacht von Lausanne" überstanden. Im Viertelfinale bei vierzig Grad im Schatten lag Österreich gegen Gastgeber Schweiz nach 18 Minuten bereits 0:3 im Rückstand, um am Ende – im bis heute torreichsten Spiel der WM-Geschichte – noch 7:5 zu gewinnen. Tormann Kurt Schmied war in der Pause nach einem Hitzeschlag kollabiert und musste trotzdem weiterspielen; Spielerwechsel gab es noch keine. (Als Schmied nach dem Match ins Spital eingeliefert wurde, wusste er nicht, wer gewonnen hatte.) Das reich illustrierte Buch behandelt aber nicht nur dieses Spiel, sondern die ganze WM, und neben den akribisch recherchierten sportlichen Ereignissen hat Palm noch allerlei fußballfremde Daten zusammengetragen. Unter anderem kann man etwa nachlesen, was am Tag der "Hitzeschlacht" in Wien und Zürich in den Kinos lief.
Der Autor Kurt Palm bleibt in diesem Buch weitgehend unsichtbar. Er beschränkt sich darauf, die Fakten sprechen zu lassen. In einem Matchbericht würde man seine Leistung als unauffällig, aber sehr mannschaftsdienlich bezeichnen.

Wolfgang Kralicek in FALTER 11/2008



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