Ohren haben keine Lider

Monique Schwitter


Mein Mann heißt Zumsteg

Das ist vielleicht keine übermäßig originelle Versuchsanordnung für einen Roman: eine Hausgemeinschaft im Zürich des Jahres 1994, ein junges Paar, beide zwanzig, eine ältliche Lehrerin, eine Studenten-WG, ein Cello spielender Amerikaner, eine Schneckenhäuser malende, kinderlose Kinderärztin, eine ätherische Blumenfreundin und ihr kotzengrober Liebhaber. Und doch hat Monique Schwitter, 1972 in Zürich geboren, daraus eines der originellsten und pfiffigsten Bücher der letzten Jahre gemacht.
Da sind also die Ich-Erzählerin und ihr Freund, der intensiv damit beschäftigt ist, "eine lange Weile lang nichts zu tun". Er versteht sich als "Prosaist" und "Biograf", macht sich aber keine Notizen, weil des Spießers "Verlustängste" ihm fremd sind. Und da ist der ruppige Motorrad- und Thrash-Metal-Freak Gerd, mit dem er öfter ein Bier trinken geht. Und dann kommt dieser Satz: "Das Studium des Lebens sei für ihn als Biograf zentral, sagte er, wenn er sich die Schuhe band, um mit Gerd auszugehen, und Gerd sein bevorzugtes Forschungsgebiet, er arbeite da an was, sagte er beim Abschiedskuss, woraus ich die Erwartung ableitete, mein Mann, der übrigens Fabian Zumsteg hieß und, soweit ich weiß, heißt, schriebe ein Buch über Gerd."
Dieser Satz steht auf Seite 98. Bis dahin ist die Erzählerin ganz gut ohne den Namen ihres "Mannes" ausgekommen. Wer bezüglich dessen Theorie der Lebenskunst noch keine Zweifel hegte, der hegt sie spätestens jetzt, und dass das mit den Zweien nicht halten wird, das weiß er nun auch, und dass der Mann kein Buch über Gerd geschrieben haben wird, ahnt er.
Monique Schwitters unschuldig, ja geradezu silberhell klingende Erzählstimme bezaubert durch mitschwingende Ironiefrequenzen. Das alles ist sehr ernst und sehr komisch, so wie auch das Mietshaus zwei Seiten hat, die eine einer multifaktoriellen Lärmhölle zugewandt (Ohren haben keine Lider!), die andere einer Gartenidylle am Fluss. Komisch ist das gereizte Duldertum, mit dem Herr Zumsteg am Gangklo seine Verstopfung zelebriert, oder der Schlagabtausch mit Frau Baumgartner, auf deren ständige Ermahnungszettel die Erzählerin irgendwann mit subversiver Unterwerfung reagiert: "Bitte um weitere Hinweise!" Ernst ist der mannigfache Drogenmissbrauch, ernst auch die erotische Anziehungskraft der barfüßigen Agnes und vor allem deren gewaltsamer Tod, der auch im unorthodox zerflatternden Teil zwei nicht wirklich aufgeklärt wird.
Von anfangs eingestreuten Albernheiten wie "gell, lieber Leser" sollte sich selbiger nicht abschrecken lassen. Er wird nach einer erquicklichen Lektüre mit einem veritablen Happy End belohnt, bei dem auch das Ohren-Leitmotiv quasi seine Erfüllung findet: Die Erzählerin heiratet einen – nein, keinen Oropax-Erzeuger, sondern einen "Pädaudiologen" – einen Facharzt für auditive Wahrnehmung und Hörstörungen.

Daniela Strigl in FALTER 11/2008



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