Die Hunde fliegen tief


Die Asche meines Vaters

Ich kann nicht glauben, dass sich mein Vater in der schwarzen Plastikschachtel befinden soll, die uns soeben vom Zollamt zugestellt worden ist. Es kann nicht sein. Die Schachtel steht auf dem Tisch im Wohnzimmer und die Blicke aller ruhen auf ihr. Tiefe Erschütterung! Ich weiß nicht genau, was sie erwartet haben. Es ist eine Schachtel wie jede andere, eine Verpackung. Ich hebe sie an, sie ist richtig schwer. An einer Ecke rieselt ein wenig schwarzer Staub heraus."
Die Geschichte, die Alek Popov in "Die Hunde fliegen tief" erzählt, beruht auf einer wahren Begebenheit. "Mein Vater ist plötzlich verstorben, als er in den USA an der University of Philadelphia Mathematik unterrichtete", erzählt der bulgarische Bestsellerautor im Falter-Interview. "Wir haben seine Asche damals tatsächlich in einer schwarzen Schachtel nach Bulgarien geschickt bekommen. Das ist haargenau so passiert, wie ich es im Buch schildere. Es ist eine schmerzvolle Angelegenheit, die ich auf fiktionale Weise behandeln wollte."
Der 42-jährige Popov ist weit davon entfernt, der Verfasser rührseliger Befindlichkeitsprosa zu sein. Er ist der führende Satiriker Bulgariens, ja, mehr als das – er spielt in der ersten Liga jüngerer europäischer Autoren mit. Dem heimischen Residenz Verlag ist mit ihm ein echter Glücksgriff gelungen. Schon Popovs voriger Roman "Mission: London" entpuppte sich als virtuoses Spiel mit Klischees von Ost und West, in dem sich der Autor über übereifrige Modernisierer in seinem Land ("Das ist kein europäisches Benehmen!") ebenso lustig machte wie über faule Bürokraten alter Schule. Welcher Ort wäre für eine derartige Beobachtung besser geeignet als die bulgarische Botschaft in London?
Mit "Die Hunde fliegen tief" (im Original: "Black Box") legt Popov jetzt noch ein Schäuferl nach. Nach dem postalischen Erhalt der Asche des Vaters machen sich die Brüder Ango (ein Alter Ego Popovs) und Ned (trägt Züge des in den USA lebenden Bruders des Autors) auf die Suche nach Spuren von ihm in den Vereinigten Staaten. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein: Ango, der in Bulgarien eine Zeit lang leidlich erfolgreich Kinderbücher verlegt hat, muss in New York ganz unten – als Hundeausführer – beginnen. Ned, einst eindeutig der blödere Bruder, ist erfolgreicher Broker an der Wall Street.
Es ist allerdings der abwesende Vater – ist er überhaupt tot? –, der zum geheimen Helden des Romans avanciert. Er schafft ein Spannungsfeld zwischen den Brüdern und konfrontiert sie schlussendlich auch mit sich selbst. "Im Prinzip ist es eine Geschichte über innere Entwicklung und Wachstum", erklärt Popov. "In einem solchen Prozess spielt früher oder später eine Vaterfigur immer eine wichtige Rolle. Es geht mir aber auch um den Fall des patriarchalischen Systems des Kommunismus. Der Geist des allgegenwärtigen Staats prägt immer noch das Denken vieler Menschen."
In bester satirischer Tradition jubelt Popov dem Leser unter dem Mäntelchen des Absurden auch komplexere Inhalte unter. Dass ernsthafte Literatur schwer lesbar sein muss, hält der Autor denn auch für einen fatalen Irrtum: "Meiner Ansicht nach zählt Spaß immer. Wenn du deine Leser zum Nachdenken anregen willst, solltest du sie nicht mit langweiliger Prosa schläfrig machen." Seine Bücher, die in ihrem Reichtum an irrwitzigen Einfällen an verdiente US-Unterhalter wie T.C. Boyle und John Irving erinnern, liefern den Beweis dafür, dass auch schräger Slapstick tiefe Einblicke in die menschliche Seele ermöglichen kann. Wobei Humor dem Autor, wie er gesteht, in Wirklichkeit oft schwerer fällt als der Ernst: "Es ist nicht einfach, den Leser so weit zu kriegen, dass er lacht. Du kannst dich auch nicht hinsetzen und sagen: Jetzt schreibe ich etwas Lustiges. Es passiert einfach, oder nicht."
Der studierte Bulgarist hat vor einigen Jahren in einer bislang nur ins Englische übersetzten Kurzgeschichte in ein paar Sätzen niedergeschrieben, woran er sich nun in dicken Romanen abarbeitet. Treffen sich ein Russe und ein Bulgare im Speisewagen: "You see, communism failed like hell", sagt der Russe. "Capitalism will fail like hell too", antwortet der Bulgare, während er sich ein Stück Wurst in den Mund schiebt. "Just wait and you'll see."
Den Mann aus Sofia beschäftigt das dialektische Verhältnis zwischen Sozialismus und Kapitalismus: "Beide Systeme sind ziemlich zur selben Zeit entstanden, sie stehen für die zwei Gesichter der Moderne. Wenn man durch die Geschichte wandert, kann man ein Muster feststellen: Immer dann, wenn der Kommunismus unerträglich wurde, griff man auf kapitalistische Strategien zurück – und umgekehrt."

Popov illustriert den Kampf der Systeme in "Die Hunde fliegen tief" etwa anhand der Bedingungen, unter denen Ango als Hundeausführer arbeiten muss. In einem Park heftet sich ein dubioser Mann an seine Fersen, der behauptet, eine Gewerkschaft für Hundeausführer gründen zu wollen. Es engagieren sich aber auch weniger windige Kollegen Angos für fairere Bedingungen. Ihm selber ist all das herzlich egal – er genießt in vollen Zügen das Leben in New York und eine heftige Liebesaffäre. Derweil glaubt sein Bruder, ein Vermögen machen zu können, indem er auf den Kursverfall der Aktien eines Hunderfutterproduzenten wettet: Die Hunde fliegen tief!
Man sieht: Um die Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte geht es Alek Popov in seinem Roman aus der urbanen Fauna nicht wirklich. "Anfangs wollte ich schon mit meinem emotionalen Gedächtnis ins Reine kommen", schmunzelt er. "Ich zweifle aber stark daran, ob mir das gelungen ist. Am Ende des Schreibmarathons wollte ich nur mehr einigermaßen mit der Story zurechtkommen." Einen Sonderpreis verdient der letzte Satz, den Popov nach jahrelanger harter Arbeit am Roman in mühevoller Kleinarbeit drechselte: "Wir gehen Sushi essen." Fürs Erste hat der Kapitalismus gewonnen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 11/2008



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