Brief an ein christliches Land. Eine Abrechnung mit dem religiösen Fundamentalismus

Sam Harris


Lochgott

Nach Richard Dawkins und Christopher Hitchens ist nun der Dritte aus der Dreifaltigkeit der US-amerikanischen religionskritischen Autoren auf Deutsch zu haben: In den USA brachte es Sam Harris' "Letter to a Christian Nation" ganz weit oben in die Bestsellerlisten. Der schmale, furios geschriebene Band richtet sich an einen fiktiven Kritiker von Harris' erstem Buch "Das Ende des Glaubens". Harris zerpflückt darin noch einmal die gängigen Argumente, die für die "Nützlichkeit" des Glaubens vorgebracht werden. Denn die Religiösen führen ja für ihren Glauben zwei Dinge ins Treffen: erstens, dass er wahr sei, und zweitens, dass er positive gesellschaftliche Effekte zeitige. Etwa, dass gläubige Menschen bessere Menschen und die heiligen Schriften moralische Leitfäden, die Menschen hingegen zu allem fähig seien, wenn sie keinen Gott über sich wähnten. Und so weiter.
Genussvoll zitiert Harris nicht nur die Schreckensgeschichten aus dem Alten Testament, sondern auch die verderbenswütigen Verwünschungen, die die christliche Bibel gegen alle jene ausspricht, die nicht an Jesus Christus glauben. "Jeder Mensch, der glaubt, die Bibel sei die beste aller vorhandenen Anleitungen zur Lösung unserer ethischen Probleme, der hat entweder höchst seltsame Vorstellungen von Anleitungen oder von Moral", so Harris' spitzzüngiges Resümee.
Harris ist ein flotter Schreiber mit Freude am Sarkasmus, aber, anders als etwa Richard Dawkins, auch ein Experte in theologischen Fragen – so findet selbst der informierte Leser viel Neues aus den Giftschränken von schwarzen Pädagogen wie Augustinus, dem Lieblingskirchenvater des heutigen Papstes. Auch die Anhänger des "intelligent design" bekommen ihr Fett ab. Die sind ja einerseits der Meinung, die wunderbare Ordnung der Schöpfung beweise die Existenz göttlichen Designs, dasselbe aber vermögen nach ihnen auch das Unerklärliche bzw. die Lücken im wissenschaftlich Erkennbaren – ein Gott, dessen Spuren in Lücken erkannt werden können, ist aber nichts anderes als ein "Lochgott". Dass die Freunde des Intelligent Design Gott sowohl in der Ordnung als auch im Chaos zu erkennen vermögen, ist ein schönes Exempel für das religiöse Bewusstsein, dem alles als Beweis Gottes gilt: Faktum x, aber auch dessen exaktes Gegenteil.
Fromme wird Harris wohl nicht überzeugen, aber Wankelmütigen könnte er durchaus glaubhaft machen, dass die negativen Effekte des Religiösen die positiven überwiegen. Ein Pamphlet, aber im besten Sinne dieser literarischen Gattung – bestens geeignet für ein, zwei entspannte Stunden atheistischer Lesefreude.

Robert Misik in FALTER 11/2008



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×