Herr Faustini und der Mann im Hund

Wolfgang Hermann


Herr Faustini sucht das Glück

Lange haftete Wolfgang Hermann der Nimbus eines Miniaturisten an. Abgesehen davon, dass Miniaturen schwerer zu machen sind und das Herz eher erfreuen als grobe Klötze, zeigen spätestens die beiden "Faustini"-Bücher des Autors, dass er ein Erzähler ist, der die Bögen nach Belieben zu spannen versteht – auch wenn der Name eine Verkleinerungsform darstellt und die erzählten Geschichten alte Mythen und Epen parodieren, um sie aus dem "Schicksalhaften" auf ein menschliches und zeitgenössisches Maß herunterzustutzen. Vielleicht nicht ganz nach dem Belieben ihres Autors, der sich gar nicht immer einmischen will, sondern nach dem Belieben der sich fortspinnenden Episoden, der Bilderfolge, der bald zufälligen, bald notwendigen, bald herbeifantasierten Begegnungen: wie bei einem Spaziergang, wenn eher der Hund als der Herr bestimmt, wohin es gehen soll – immer der Nase nach.
Ja, Wolfgang Hermann entwickelt sein Erzählen aus dem Flanieren, aber das Fantasieren ergänzt und erweitert das, was auf den Wegen so anfällt. Die Wege beginnen spätestens auf der Schwelle der Haustür, und die erste Station ist oft schon beim Nachbarn oder im Garten, ehe es zu weiteren Entdeckungen kommt: Entdeckungen von Dingen, die alle kennen, aber nicht so; oder von Dingen, die zwar naheliegen, auf die aber sonst niemand achtet.
Viele der in den Roman eingelegten Miniaturen sind Porträts, die Hermann mit wenigen Strichen zu zeichnen versteht: die Möbelgeschäftsfrau, die Arzthelferin, diverse Pfleger(innen) von Leib und Seele, Esoteriker, Geschäftige und Außenseiter, Pensionisten, Pizzeriawirte, der Trafikant und seine Frau und seine Kunden ... Und natürlich Szenen, Wahrnehmungsbilder, Lichteinfälle, bis hin zu jenem planetarischen Porträt, in dem Hermann das Glück des Daseins einzufangen versucht, nach dem Faustini und die anderen streben. Hier müsste der Rezensent nun einen ganzen Absatz zitieren, dafür ist kein Platz. Stattdessen der Kommentar der Frau des Trafikanten: "Sie sehen heute ganz besonders irdisch aus, Herr Faustini. Als wären Sie gerade auf der Erde gelandet. Ein für alle Mal."
Derlei Sätze schreibt Hermann selten ohne Ironie, wobei meistens nicht sein Erzähler, sondern die Situation selbst den Ironieakzent setzt. Anders als mit solcher Vorläufigkeit, solchem Ja-und-nein lässt sich vermutlich ein naiver Tor und guter Mensch, der sich nichts sehnlicher wünscht, als seine Mitmenschen und sogar die Tiere, Pflanzen und kleinen Maschinen des Alltags glücklich zu machen, ohne für sich selbst irgendetwas zu verlangen, heute gar nicht entwerfen.
Einer der Impulse für Hermanns Schreiben ist eine fundamentale Skepsis gegenüber dem Getriebe dieser Gesellschaft, die vom Geld regiert wird, während die nicht auszurottende Suche nach seelischer Wellness durch billige Soft Religions beruhigt wird. In seiner aus tausend Welten bestehenden Welt am Bodensee beweist uns Faustini, dass es auch ganz anders geht.

Leopold Federmair in FALTER 11/2008



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