Baggersee

Gergely Péterfy, Agnes Relle


Angebaggert

Wenn man die aktuelle erzählende Literatur in die dicken, handlungsreichen Bücher und die dünnen, seltsamen unterteilen wollte, dann gehört "Baggersee" von Gergely Péterfy eindeutig in die zweite, momentan unterrepräsentierte Kategorie der dünnen, seltsamen Bücher. Jeder Autor, der was auf sich hält, möchte ein dickes, handlungsreiches Buch vorlegen. Nicht so der 42-jährige Ungar, dem ein Schotterteich am Land als Kulisse und eine Handvoll seltsame Typen, die dieses Habitat bevölkern, als Inventar für seine 140 Seiten Prosa reichen, auf die der Verlag großkotzig "Roman" geschrieben hat.
Es sind die kleinen Unregelmäßigkeiten des Lebens, von denen sich die Figuren am Baggersee kurzzeitig aus der Bahn werfen lassen: Die böse Vera heischt nach Sympathien, indem sie ohne Zusammenhang Fremdwörter und Namen wie "Konglomerat" oder "Leukippos" in den Raum stellt, womit sie eine Zeitlang auch erfolgreich ist; Janos Trockenhand befeuchtet sich ständig die Finger mit Spucke, weil er es nicht aushält, trockene Dinge anzugreifen; der narbige Anti findet einen Brief, auf dem "Wann kommst du endlich?!" steht und gerät dadurch so aus dem Konzept, dass er sich zwischenzeitlich Andor nennt und sich allen Leuten, die ihn kennen, als Fremder vorstellt.
All diese Typen versammeln sich in Irmas Trinkstube am Ufer des Schotterteichs, und all ihre Geschichten bündeln sich in der Perspektive des Wächters, der den Baggersee im Auge behält und von den seltsamen Vorgängen berichtet. Doch die Irritationen, von denen Péterfys Figuren überfallen werden, sind flüchtig. So schnell und unvermittelt, wie sie kommen, verdampfen sie auch, und das Leben nimmt zwischen Schotterhaufen, Förderbändern, Gartenhäuschen und Trinkstube seinen gewohnten, unspektakulären Lauf: Fische werden gefangen, Wanderer kotzen die Trinkstube voll und der Wächter des Baggersees philosophiert über das Leben am See und das Ersticken daran.
Mit dem Augenmerk auf die mikroskopischen Sensationen, dem Hang zum Symbolischen bzw. Surrealen und seiner schnörkellosen Prosa erinnert "Baggersee" an die frühen Romane eines Gert Jonke aus den Siebzigern. Nach all den Erzählschinken, die uns in letzter Zeit aufgetischt wurden, wird hier quasi eine literarische Fastenspeise für Kalorienbewusste serviert, die einen rätselnd, aber nicht allzu ratlos zurücklässt.

Werner Schandor in FALTER 11/2008



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×