Echolalien. Über das Vergessen von Sprache


Zischlaute, Afrikaten, Schnalze

In einer Reise vom Gelalle des Babys bis nach Babel führt Daniel Heller-Roazen, Professor für vergleichende Literaturwissenschaft in Princeton, in 21 Kapiteln essayistisch durch die Vielfalt sprachlicher Vergesslichkeit. Die Welten, die er dabei streift, reichen von Philosophie, Theologie und Linguistik bis zu Literatur und Mythologie. Der Leser begegnet dort neben Philologen und Sprachwissenschaftlern auch Nymphen, schreibenden Kühen und der sprechenden Zunge eines Toten.
Gleich im ersten Kapitel seiner "Echolalien. Über das Vergessen von Sprache" führt der Autor zu seiner zentralen These hin: Sprache sei von Prozessen des Vergessens ebenso bedingt wie von Prozessen des Erwerbs. Aufbau und Zerstörung greifen ineinander. Nach Studien des russischen Linguisten Roman Jakobson verlieren Kinder beim ersten Spracherwerb ihre bislang grenzenlose Fähigkeit zur Lautbildung: "Ein lallendes Kind kann Artikulationen aufhäufen, die sich nie innerhalb einer Sprache oder Sprachgruppe zusammenfinden: Konsonanten beliebiger Bildungsstelle, mouilliert und gerundet, Zischlaute, Afrikaten, Schnalze, komplizierte Vokale, Diphtonge usw."
Ein Kind, so Heller-Roazens Folgerung, könne eine bestimmte Sprache nur durch einen Akt des Vergessens erlernen und dadurch zum Native Speaker werden, das Vergessen des einen "Alphabets" setze ein anderes frei. Hier klingt eine weitere These des Autors an: Buchstaben, Laute und Sprachen verschwinden nicht einfach, sie gehen bloß in andere über. Sprache fließt.
Der Autor denkt über vergessene Alphabete, die in umgangssprachlicher Klangmalerei noch zum Vorschein kommen, ebenso nach wie über den stillen hebräischen Buchstaben Aleph oder gefährdete Laute im Französischen. Im fünften Kapitel findet sich ein illustres Beispiel über das deutsche "H". Heinrich Heine berichtet darin über die Transformation seines Namens nach der Emigration: Von Heinrich Heine über "Henri Heine" zu "Enri Enn" bis hin zu "Monsieur Un rien". Beim – außerhalb Deutschlands oft üblichen – Fallenlassen des "H" wird aus dem bedeutenden Dichter ein Nobody ...
Im selben Kapitel vergegenwärtigt Heller-Roazen anhand einzigartiger Quellen, was Römer, griechische Philologen und Europäer bis Karl Kraus zum Nutzen und Nachteil des "H" zu sagen hatten, dieses "Hauchlauts", dieses "nutzlosen Atemzeichens", des "unschuldigen Hauchs", des "Geistes". Schön ist, wie aus den reichhaltigen Quellen Sprache noch als beseelt hervortritt. Heller-Roazen macht schließlich deutlich, dass er auch heute nicht auf diese Sichtweise verzichten will, obwohl auch bei ihm die Muttersprache nicht erworben wird, sondern "von dem neuen Sprecher Besitz ergreift".
Zwischen Überlegungen zu Noam Chomskys Versuch, aus der Sprachforschung eine strenge empirische Wissenschaft zu machen, sowie einer näheren Betrachtung der Spracherwerbsbiografie des polyglotten Elias Canetti gelangt der Autor auch zu Freuds Schriften zur Aphasie. Zu einer Zeit, in der die Wissenschaft zum physiologischen Reduktionismus tendierte, bestand Freud auf einer holistischen Sichtweise des Gehirns und des Verhältnisses von Sprachstörung und Gedächtnis. Anhand von Freuds Untersuchungen versucht Heller-Roazen zu belegen, dass der Grund für Aphasie, den Verlust des Sprachverständnisses, oft nicht das Vergessen, sondern extremes Erinnern sei, ein Zuviel anstatt ein Zuwenig, also das Gegenteil von dem, was offensichtlich zu sein scheint.
"Echolalien" ist eine lohnende, wenngleich schwierige Lektüre, ein Buch über Sprache, selbst in einer Sprache geschrieben, die zwischen Wissenschaft und Poesie wandert, mal akademisch, mal anekdotisch daherkommt. Das Technische geht hier nahtlos ins Mythische über, seine Schlussfolgerungen formuliert der Autor gerne als Paradoxien.
Auch wenn es zu Beginn so scheinen mag – "Echolalien" ist keine lose Ansammlung von Essays, sondern ernsthaft ein Buch. Man bemerkt die feinen, zwischen die Kapitel gesponnenen Bezüge erst nach einer Weile, beginnt gedanklich zurückzublättern, zu verknüpfen. Wahrscheinlich muss man es aber öfter lesen, um es ganz zu erschließen.
Heller-Roazen präsentiert Sprache als etwas ultimativ nicht Festzuschreibendes. Dort, wo sie zu verschwinden scheint, geht sie in etwas anderes über, dort, wo sie vergessen werden will, bedingt sie auf unbarmherzige Weise das Erinnern. Die Verschränkung von Prozessen des Erinnerns und Vergessens scheint unausweichlich. Weil das Vergessen im Unterschied zum Erinnern aber stets schwieriger zu belegen ist und es als produktiver Prozess sträflich verkannt wurde, hat Heller-Roazen ihm dieses gescheite Buch gewidmet.

Tina Thiel in FALTER 11/2008



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