Der weiße König

György Dragomán, Laszlo Kornitzer


Ein Held seiner Zeit

Die Stärke und Vielfalt der ungarischen Literatur ist beeindruckend. Neben Wiederentdeckungen aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wie Sándor Márai oder Geza Csáth, neben renommierten Autoren wie Imre Kértesz, Péter Nádas oder Péter Esterházy, neben im deutschsprachigen Raum unbekannteren, großartigen Schriftstellern wie László Krasznahorkai, Ádám Bodor oder dem poetischen Tausendsassa Dezsö Tandori steht eine Reihe sehr guter jüngerer Autorinnen und Autoren. Deshalb sei dieses unvollständige Alphabet der ungarischen Literatur noch um zumindest drei Namen ergänzt, um Terézia Mora und ihren Roman "Alle Tage", der 2004 auf Deutsch erschien, um Peter Zilahys Revolutionsalphabet "Die letzte Fenstergiraffe", der ebenfalls 2004 auf Deutsch erschien, und um den historische Stoffe bearbeitenden Laszlo Marton.
Der Roman "Der weiße König" des 1973 in Siebenbürgen geborenen und seit 1988 in Budapest lebenden György Dragomán zählt zu den besten literarischen Neuerscheinungen der letzten Jahre. Ohne auch nur ein einziges Mal unglaubwürdig zu werden, schreibt Dragomán aus der Sicht eines elf- und zwölfjährigen Buben, der sich im Rumänien des Jahres 1986 gegenüber einer brutalen Umwelt behaupten muss. Dieser Bub ist ein Held, der nie moralisiert oder politisiert, der keine historischen oder ideologischen Argumente ins Spiel bringt, sondern der nur – und das bedeutet hier alles – seine Aufmerksamkeit und seine Empathiefähigkeit zur Verfügung hat.
Gleich in der ersten der 18 auch in sich äußerst stimmigen Erzählungen, die diesen Roman ausmachen, erfahren wir vom Abtransport des Vaters an den "Donaukanal". Weil er eine regimekritische Petition unterschrieben hat, wird der Physiker in ein Arbeitslager oder, was noch schlimmer wäre, in ein Umerziehungslager gebracht. Zurück bleiben eine als Jüdin und als Frau eines Verräters geächtete Mutter und ein kleiner Bub, der in der Schule und auf der Straße Schikanen, körperlicher Gewalt und Psychoterror ausgesetzt ist.
Was diesen Roman auszeichnet, ist die durchgängige sprachliche Souveränität, die überzeugende Erzählperspektive und eine Spannung, die weniger mit Suspense zu tun hat als mit der in jeder Geschichte neu definierten Mischung aus Verzweiflung und Auflehnung. Wer sich noch rühren lässt, den wird dieser Roman rühren; und zwar in einer Weise, die nichts mit Sentimentalität zu tun hat. Jeder Satz, jedes Handlungsmoment, jede Empfindung bleiben an den Vaterverlust, an die Mutterbindung und an die mentalen Strukturen gebunden, wie sie totalitäre Staaten hervorbringen.
"Der weiße König" berichtet vom unglaublichen Sadismus der Lehrer und Sporttrainer, von der rohen Gewalt, mit der die Kinder ihre Konflikte austragen, von der Zerstörung sozialen Zusammenhalts durch den Staat. Als Lichtgestalt inmitten der auch die Familien erfassenden Korrumpierung behauptet sich die Mutter. Immer mit ihrer Verzweiflung kämpfend, versucht sie ihrem Sohn ein Gefühl der Solidarität mit Schwächeren und den aufrechten Gang zu vermitteln. Das ist überzeugend, weil sie eine Haltung verkörpert und keine Erziehungsprinzipien.
Die Geschichten setzen mit Tulpen ein, die der Bub in einer öffentlichen Parkanlage für seine Mutter stiehlt, wie es der Vater an jedem Hochzeitstag 15 Jahre lang gemacht hatte; sie enden mit dem Begräbnis des Großvaters, einem ehemals wichtigen Parteifunktionär, den der Bub bewundert, der aber seinen deportierten Sohn verleugnet und seiner Schwiegertochter die Schuld an dessen Schicksal gibt. Bei diesem Begräbnis kommt es zu einer unglaublich starken Schlussszene, die eindrückliche Bilder aneinanderreiht und den Bogen schließt, ohne dass irgendetwas besser geworden wäre.
Eine der Geschichten heißt "Kino". Schüler, Lehrer und Direktor sollen sich einen Propagandafilm über Rumäniens blühende Landschaften ansehen. Nur kommt es wie häufig zu einem Stromausfall, die fleißigen Traktoristen in den üppigen Weizenfeldern versinken im Dunkel des Kinosaales. Während die anderen patriotische Lieder absingen müssen, kriechen der Junge und sein Freund Feri durch einen Lüftungsschacht zu einem zweiten, geheimen Kinosaal, in dem die Bonzen sich Pornofilme und Filme bedenklichen ideologischen Inhalts vorführen lassen. Die bedrohliche Enge des Schachtes, die ständige Angst vor dem Entdecktwerden, die Lust an der Übertretung – all dies verdichtet sich zu einer literarischen Chiffre des Totalitarismus.
"Der weiße König" ist eine Schachfigur, die der Bub immer bei sich trägt, zusammen mit einem Bild seines Vaters. "Der weiße König" ist ein bildermächtiger Roman, in dem kein überflüssiges Wort steht.

Bernhard Fetz in FALTER 11/2008



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