Ein liebender Mann

Martin Walser


Der Herbst des Phallokraten

Die Geschichte ist bekannt: Von 1820 an besucht Goethe im Sommer regelmäßig das neu gegründete Marienbad.
Die verwitwete Amélie von Levetzow nahm mit ihren
drei Töchtern Ulrike, Amalie und Bertha ab 1821 dort Quartier. Schon 1822 erweckte die 1804 geborene Ulrike die Aufmerksamkeit Goethes, im Jahr darauf hält der gerade 74 Jahre alt gewordene Dichter förmlich um deren Hand an, erhält aber keine klare Auskunft von der Mutter. Die Levetzows übersiedeln Mitte August nach Karlsbad, Goethe kommt eine Woche später nach, man trifft sich wieder, doch am 5. September folgt
ein "tumultuarischer Aufbruch" nach Weimar, wo Goethe nach zwölf Tagen eintrifft. Auf der Reise entsteht als lyrisches Endprodukt die "Marienbader Elegie", die dann als Mittelstück der 1827 erschienenen "Trilogie der Leidenschaft" fungiert.
Martin Walser hatte schon in seinem Eckermann-Stück "In Goethes Hand" (1982) auf diese letzte große Liebesgeschichte Bezug genommen. Sich an Goethe zu erproben, wird zur Zwangshandlung für deutsche Dichter, wenn sie in die Jahre kommen. Thomas Mann lässt Goethe in "Lotte in Weimar" seine eigenen Gedichte aus dem "Westöstlichen Divan" in Prosa aufsagen, und auch alle anderen Figuren zitieren in diesem unheimlich geschwätzigen Buch unentwegt Goethe. Martin Walser nun greift auf eine spätere Phase im Leben Goethes zurück und wird mit ihm noch viel intimer als Thomas Mann. Es gibt keine Seite, in der es nicht von den Ergebnissen eines höchst detailreichen Quellenstudiums wimmelt. Vieles muss freilich erfunden werden, um die Lücken in der Lebenschronik Goethes dann auch zu schließen. "Ein liebender Mann" soll das von Goethe erwogene Romanprojekt heißen, in das wir auch dankenswerterweise Einblick erhalten. In Ermangelung einer realen Korrespondenz hat Walser einige Briefe Goethes an Ulrike rekonstruiert, die aber im Stil sehr nach 21. Jahrhundert schmecken.
Das Ganze ist nicht ohne Witz und mit einem subtilen Gefühl für brisante Situationen und die Peinlichkeiten erzählt, die sich für die Umgebung Goethes ergeben. Walser hegt eine natürliche Sympathie für Goethe, aus dessen Unsternstunde sich wieder einmal eine Sternstunde der Menschheit ergibt: Irgendwie wiederholt sich die Werther-Stimmung, was immerhin die beruhigende Einsicht zur Folge hat, dass das nur für die Kunstfigur tödlich ausgehen kann. Ulrike, als Goethe-Fan, hat sich für einen Maskenball als Lotte vergekleidet, und Goethe erscheint, ohne dass das Ganze abgesprochen worden wäre, im Werther-Kostüm. Tableau.

Das Schaudern sei der Menschheit bestes Teil", heißt es im "Faust". Nun ist daraus aber etwas anderes geworden: Wir dürfen durch das Schlüsselloch schauen und sehen, wie Goethe nach einem krisenhaften Abend mit Ulrike nackt vor dem Spiegel steht: "Komisch genug, dass er sich diesem Nackten nahe fühlte. (...) Zwischen den weich und nachgiebig werden wollenden Lenden, sein Geschlechtsteil, das ein Leben lang den Ehrgeiz hatte, ein Ganzes zu sein. Er hatte den machtlüsternen Ehrgeiz dieses Teils ein Leben lang zähmen müssen. Das war nicht immer gleich gut gelungen."
Der Herbst des Phallokraten ist angebrochen. Selbst die Natur, mit der Goethe doch so viele Synergieeffekte etablieren konnte, hat sich gegen ihn verschworen. Es kommt zu nichts, selbst nach einem vielversprechenden Spaziergang. "Dann näherten sich die Münder einander, kamen einander so nah wie noch nie und blieben so nah bei einander, bis eine Elster mit ihrem schrillen Schrei die Zeitlosigkeit zerriss." Die dumme Elster! Der liebende Mann Goethe leidet. Das wirkt glaubhaft, aber durch die vielen Worte, die Walsers Goethe im letzten Teil in diese Sache investiert, wird unsere Anteilnahme doch von Absatz zu Absatz geringer. Was Goethe so eindrucksvoll in der "Marienbader Elegie" verdichtet hatte, wird von einer Kunstfigur ins heillos Diffuse zerredet.

Wendelin Schmidt-Dengler in FALTER 11/2008



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×