Nachricht an alle

Michael Kumpfmüller


Meine Freunde sind Betrüger

Michael Kumpfmüller, 1961 in München geboren, begann seine Karriere als Schriftsteller relativ spät, dafür aber mit einigem Aufsehen: 2000 erschien sein Debüt "Hampels Fluchten" über das Schicksal eines in die DDR zurückgekehrten Bettenhändlers zunächst als Vorabdruck in der FAZ und wurde nach Erscheinen des Buchs als deutsch-deutscher Roman heftig diskutiert. Drei Jahre später folgte "Durst", der sich im Duktus und im Ton vom Debüt stark unterschied: Er schildert peinigend genau und unsentimental, wie eine junge, von Drogen und ihrem Liebhaber abhängige Mutter zwei ihrer drei Kinder zu Tode vernachlässigt. Nun hat er sich fünf Jahre Zeit gelassen, um wiederum einen Roman zu schreiben, der für kontroverse Meinungen allemal gut ist. Kumpfmüller lebt in Berlin und ist im Übrigen mit der österreichischen Schriftstellerin Eva Menasse verheiratet.


Falter: Ihr neuer Roman "Nachricht an alle" spielt im Milieu der Politik. Das ist ein sehr ungewöhnliches Thema in der deutschen Literatur. Was hat Sie daran gereizt?

Michael Kumpfmüller: Es gibt in Deutschland eine weit zurückreichende Tradition, Politik für ein schmutziges Geschäft zu halten. Alle anderen Bereiche werden als moralisch höherstehend betrachtet. Das hat mich zunehmend empört. Innenminister geraten zudem leicht unter Faschismusverdacht: Das sind Pseudodemokraten, die immer nur die Bürgerrechte beschneiden – Orwell, und was für Fantasien da dranhängen. Ich wollte das umdrehen und herausfinden, was die eigentlich machen, also eine Arbeitsplatzbeschreibung liefern. Erst in einer späteren Phase hat sich das zum Gesellschaftsroman erweitert. Politik operiert ja nicht im luftleeren Raum.

Man kann sich so etwas aber auch nicht im luftleeren Raum am Schreibtisch ausdenken. Wie haben Sie verwertbare Erfahrungen gesammelt?

Am Anfang habe ich Politiker interviewt, Minister. Die wussten, dass ich einen Roman schreibe und waren mit einer Ausnahme auch sehr offen. Dann habe ich viel gelesen: politische Theorie von Machiavelli bis Luhmann, auch Politikerbiografien, die aber meist etwas langweilig sind. Und ich habe sie im Fernsehen beobachtet: wie sie sich bewegen, wer da neben ihnen steht. Aber am meisten habe ich durch konzentriertes Nachdenken herausgefunden – durch Erfindungsarbeit.

Sie versuchen eine Ehrenrettung der Politik als Beruf, zeigen aber auch, wie hilflos und ohnmächtig Politiker sind.

Es geht darum, eine realistische Erwartung an die Politik zu formulieren. Die Politik versucht zu regulieren, meistens indem Geld ausgegeben wird. Sie ist unablässig beschäftigt, hat aber nichts mehr damit zu tun, sich an irgendwelchen großen Weltentwürfen oder einem Gesellschaftsmodell abzuarbeiten. Was soll denn zum Beispiel die SPD noch machen, wenn so gut wie alle sozialdemokratischen Forderungen erfüllt sind? Natürlich ist es populistisch, wenn Politiker anlässlich der Schließung des Nokia-Werks Empörung demonstrieren. Sie können die Standortförderung revidieren, mehr nicht. Mich ärgert es aber, wenn die Leute immer nur den Impuls haben, von der Politik etwas zu wollen. Der Staat ist einerseits eine Wunscherfüllungsmaschine, die alles können soll, auf der anderen Seite soll er sich aus allem raushalten. Ich finde, der europäische Sozialstaat ist eine Errungenschaft, die wir zu bewahren und zu verteidigen haben.

Ihr Innenminister ist nicht nur Politiker, sondern auch Ehemann und Liebhaber, der in komplizierten privaten Beziehungen steckt. Er ist ein Mann mit Erotik, mit Leidenschaften, mit ausgeprägter Körperlichkeit.

Ich musste erst einmal klären, ob ein Politiker unter diesen Hochleistungsbedingungen überhaupt noch einen Körper hat. In dem Punkt bin ich Optimist: Die Zuschreibung, dass das nur gepanzerte Maschinen sind, halte ich für ideologisch. Das entspricht auch nicht meiner Erfahrung mit den Politikern, die ich getroffen habe. Die hatten alle Körper und konnten beschreiben, was das Leben in der Politikmaschine mit ihnen macht – dass die Verluste Körperverluste sind.

In Ihrem Roman ist die Gesellschaft durch Streiks und gewalttätige Aufstände in Unruhe. Ihr Innenminister findet das aber eigentlich ganz gut. "Die Krawalle belebte ihn", heißt es da, "er langweilte sich nicht mehr."

Politiker zu sein ist deshalb so anstrengend, weil in Wahrheit kaum etwas Dramatisches passiert. Es geht nur darum, die Maschinen immer neu zu justieren. Auch in den Medien geschieht viel aus Langeweile. Die Diskurse sind so geordnet und reglementiert, dass man mit Tabubrüchen oder Provokationen aufzufallen versucht. Die eigentliche Erfahrung meiner Generation ist aber, dass ohnehin nichts passiert – egal ob man etwas sagt oder nicht.

Eine Gegenfigur zum Politiker ist die Journalistin Hannah. Sie schreibt ein Porträt über den Innenminister, und die beiden verlieben sich ineinander. Was sie nicht begreift, ist: Warum wird man überhaupt Politiker? Warum tut man sich das an? Sie vermutet, das habe etwas mit der Angst vor dem Tod zu tun. Was meinen Sie damit?

Wir leben in einer hochindividualisierten Gesellschaft, in der es das oberste Ziel ist, jung zu sein und jung zu bleiben. Untergründig arbeiten alle daran, dem Tod zu widerstehen, indem etwas von ihnen bleiben soll. Da ist der Machtmensch im Vorteil, der nicht nur Texte oder Bücher, sondern unser aller Geschichte schreibt. Allerdings ist das im Zeitalter einer nichtheroischen Politik zunehmend schwieriger geworden. Es geht nur, indem man wieder Opfer produziert, also den Tod heraufbeschwört und zum Gegenstand von Politik macht.

Ist der Politiker also ein Verwandter des Schriftstellers?

Auch der Schriftsteller kann sich da nur Illusionen machen. Es gibt einen wunderbaren Text von Arno Schmidt, der das auf die Spitze treibt: Alle sitzen in der Hölle und warten darauf, dass sie endlich vergessen werden – also zweihundert Jahre keine Fußnote, nichts, was an sie erinnert. Das halte ich für einen guten Standpunkt. Im nichtheroischen Zeitalter, wo hier in Europa eigentlich noch alles ziemlich in Ordnung ist, entsteht das Bedürfnis, alles zu musealisieren. Das ist absolut tödlich. Ich habe jetzt die Zahl vergessen, wie viele Museen täglich in Deutschland gegründet werden. Inzwischen darf man nicht einmal mehr 1950er-Jahre-Häuser abreißen, weil uns dadurch ja etwas Wichtiges verloren gehen könnte. Doch um sich genau zu erinnern, muss man aussortieren. Wenn ich 40.000 Fotos von meinem Leben hätte, würde keines mehr etwas bedeuten. Früher hatten die Leute vielleicht fünfzig Fotos, die haben alle etwas bedeutet. Aber heute sind wir alle überall mit Kamera unterwegs. Das hat mit dem Tod zu tun, mit der panischen Angst, zu verschwinden, führt allerdings zum Gegenteil dessen, was wir wollen.

Ist "Nachricht an alle" ein politischer Roman oder eher ein Roman über Politik?

Die deutsche Literatur interessiert sich kaum für Politik, obwohl unsre ganze Lebenswelt wesentlich von ihr mitbestimmt ist. Das hat mit der spezifisch deutschen Tradition zu tun, dass über Politik schreiben immer geheißen hat, man müsse Partei ergreifen, am Ende gar noch für eine bestimmte Partei. Nun kann man unserer Generation vorwerfen, dass wir für gar nichts Partei ergreifen. Ich sehe aber erst einmal die Vorteile und sage: Wir sind die erste Generation im postideologischen Zeitalter, die hinschauen kann. Man muss das erst einmal beobachten und beschreiben.

Gibt es denn dann überhaupt noch einen Standpunkt, von dem aus man die Politik kritisieren kann? Sie gehören ja auch zu dem Kreis jüngerer Autoren, die sich in Lübeck mit Günter Grass getroffen haben – einem Vertreter des klassischen "Engagements".

Er hat diesen Standpunkt und kann überhaupt nicht verstehen, dass unsere Generation damit Probleme hat. Wenn jemand Schriftsteller ist und sich in der Öffentlichkeit bewegt, dann gibt es natürlich die Option, sich auch als Staatsbürger öffentlich zu äußern. Da bin ich ganz bei Grass. Dennoch ist immer die Frage, wann man das macht. Es gibt so kritische Entlastungsdiskurse. Zum Beispiel hat Grass sich jetzt gegen das Elbbrücken-Projekt in Dresden geäußert. Dieses Pathos könnte ich da nicht aufbringen, weil die Sache doch klar ist: Die kritische Energie ist schon überschüssig vorhanden, bis hin zur Unesco. Da gibt es keinen zusätzlichen Bedarf – es sei denn, man glaubt, dass es durch die bloße Summe an kritischer Ablehnung sozusagen zu einem Überwältigungsvorgang kommen könnte.

Aber das kann doch nicht heißen, dass man auf Kritik und Widerstand verzichtet. Sie beschreiben ja auch, wie hohl viele Formen von Politik geworden sind, wenn es nur noch um den Machterhalt um des Machterhalts willen geht.

Man muss begreifen, dass diese Gesellschaft etwas Gefährdetes ist, das nicht von alleine läuft. Man muss etwas dafür tun. Mein Ort der Politisierung ist der Kindergarten und die Schule, wo die Eltern sehr gespaltene Erwartungen haben. Sie sagen: Bitte Staat, also Schule, sorge dafür, dass mein Kind fit ist für den Kampf in der globalisierten Wirtschaft und Gesellschaft; und zugleich sagen sie – typisch für unsere Generation: um Gottes Willen kein Leistungsdruck. Anderes Beispiel: Steuerhinterziehung. Meine Bekannten und selbst Freunde – alles keine armen Leute – hinterziehen Steuern. Sie sind Betrüger. Ihnen ist überhaupt nicht klar, was das bedeutet.
Da, wo der Staat an sie herantritt, ist er der Wegelagerer. Aber in einem anderen Kontext sind sie die Ersten, die nach staatlichen Leistungen rufen. Man kann nicht die Politiker kritisieren oder die Medien, während der Rest der Gesellschaft machen kann, was er will. Das ist nämlich das eigentlich destruktive Potenzial.

Also Selbstkritik statt Protest und Widerstand?

Um wirklich dagegen sein zu können, muss man etwas wissen. Man kann zum Beispiel nicht Globalisierungskritiker sein und bei Aldi einkaufen. Ich kenne aber viele, die genau das tun.

Dann geben Sie also, so sehr Sie sich vor politischen Handlungsanweisungen fürchten, nun doch eine: nicht bei Aldi einkaufen!

Bei Aldi einzukaufen ist die deprimierendste und niederschmetterndste Erfahrung, die man beim Einkaufen machen kann. Ich will vorsichtig sein mit Anweisungen, weil es ja auch wirklich arme Leute gibt. Aber die Hälfte von denen, die dort hingehen, müsste das nicht. Aldi ist so gesehen nichts anderes als eine Maschine, um die allgemein gewachsene Gier zu befriedigen. Das eigentliche Problem ist doch, dass wir heute mindestens doppelt so viel Fleisch essen wie vor vierzig Jahren und keiner darüber nachdenkt.

Jörg Magenau in FALTER 11/2008



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