Weitergeben!. Anstiftung zum generativen Leben

Heiko Ernst


Vom Nutzen der Methusalems

Wir werden älter, das wissen wir jetzt. Spätestens seit Frank Schirrmacher seine Schreckensszenarien im "Methusalem-Komplott" schaurig ausgestaltet hat, ist klar: Weniger Kinder produzieren plus mehr Lebensjahre konsumieren ergibt unausweichliche Folgen für alle. Was nun? Zur Suche nach dem sinnvollen Umgang mit der längeren Lebensspanne haben sich gleich zwei ältere Herren aufgemacht.
"Gewonnene Jahre" heißt das Ergebnis von Uwe-Karsten Heye. Schon im Vorwort bekennt der Autor, dass er sich mit über 65 in ebendiesen Jahren befindet. Auch seine Motivation, in diesem pensionslastigen Lebensabschnitt ein Buch zu schreiben, verrät er bald: Sie heißt Tom. Tom ist der außergewöhnlich spät ins Leben des Autors getretene Sohn. Er hat ihn zum Nachdenken über Alter und Generationen gebracht und wird zum wiederkehrenden Angelpunkt des Buches.
Der Schirrmacher'schen Prophezeiung von der grausamen Welt der grauen Panther widerspricht Heye ausdrücklich: "Manche Kommentatoren glauben schon genau zu wissen, wie schön oder unschön die Welt aussehen wird, in der unsere Nachfahren künftig leben. Für sie steht fest, dass Deutschland und Europa in der Konkurrenz mit anderen Weltregionen die Verlierer sein werden. Ich glaube das nicht."
Seinen Gegenentwurf einer demografisch veränderten Welt beginnt Heye fiktiv: In einem Brief aus der Zukunft entwirft er eine Bundesrepublik der glücklichen Generationen – eine Art Gerontopia, in dem viele Alte und wenige Junge einträchtig zusammenleben. Auch nach diesem Exkurs bleibt das Werk persönlich bis zum Autobiografischen. Beispiele aus der eigenen Jugend und aus Toms Kindheit sollen allgemeine Fragen der Gesellschaftsentwicklung illustrieren. Leider geraten die Schnappschüsse aus dem Familienleben oft zur eigentlichen Handlung, der gesellschaftliche Hintergrund verkommt zur Blümchentapete.
Stärkere Seiten zeigt das Buch dort, wo es auf dem Boden allgemein zugänglicher Tatsachen bleibt. Die Bestandsaufnahme der eskalierenden Demografie ist in anschauliche Zahlen gefasst. Zur Frage, wie man damit umgehen soll, liefert Heye konkrete Beispiele und Vorschläge – von Wohnbaugestaltung über Kinderbetreuung bis zum Bildungssystem. Sowohl an der Machbarkeit seiner Vorschläge als auch an deren plakativen Darstellung merkt man, dass Heye aus der politischen Presse kommt. Er schrieb unter anderem Reden für Willy Brandt, den er mehrmals zitiert.
Drohende Generationenkonflikte löst Heye mit Bewusstseinsbildung. Nachdem die Abnahme der Leistungsfähigkeit sich immer weiter in den Lebensabend hinein verschiebe, müsse sich auch das Image der Älteren ändern. "Kampf der Generationen? Nicht, wenn wir aus der Trägheit des Denkens heraustreten." In diesem Handschlag zwischen Jung und Alt verschwimmt die Grenze zwischen Sachbuch, Autobiografie und Fiktion. Ob Tom das von ihm inspirierte Werk wohl gefallen wird? Schwer zu lesen ist es jedenfalls nicht.
Heiko Ernst ist mit knapp sechzig noch ein wenig jünger. Er hat schon einige populärpsychologische Bücher vorgelegt. Seine neueste Veröffentlichung vermittelt anfangs das Gefühl, versehentlich in der Ratgeberabteilung gelandet zu sein. "Weitergeben!", der Titel ist ein Imperativ. Ein "Wie wird man generativ" genanntes Kapitel lässt Angst vor dem erhobenen Zeigefinger aufkommen. Wer sich nicht abschrecken lässt, wird mit sachlicher Lektüre in flüssigem Stil belohnt: Was bleibt, wenn wir gehen? Rund um diese Frage zeichnet der Autor ein buntes Bild der grauer werdenden Welt. Generativität heißt sein Leitfaden durchs Labyrinth der alternden "Optionsgesellschaft" mit ihren vielen Möglichkeiten. Es geht um den Anspruch, Sinnvolles an Nachkommende weiterzugeben.
Und das ist gar nicht so einfach: "Es fehlt ganz offensichtlich eine Bedienungsanleitung für die neue Welt. (...) Der immense Erfolg von Ratgeberbüchern ist ein deutliches Indiz für die enorme Verunsicherung in nahezu allen Lebensbereichen." Der Versuchung, diese Anleitung selbst zu geben, widersteht Ernst dankenswerterweise. Plastisch wird seine Idee von gelungener Generativität vor allem durch Fallbeschreibungen – er sammelt Best-Practice-Beispiele des Weitergebens. Exemplarische Anstöße statt endgültiger Antworten – das bleibt das Grundgerüst des Buches. Aufgelockert wird es durch Zitate von Filmszenen, Werbeslogans und Songs aus dem kollektiven Bewusstsein der Babyboomer-Generation. Erkenntniswert gewinnt das Werk durch Rückgriff auf psychologische und demografische Studien. Ein zentrales Element bildet dabei Erik H. Eriksons Modell der Entwicklungspsychologie. In diesem gelten reifes Erwachsenenleben und Alter ebenso als Entwicklungsphasen wie Kindheit und Jugend.
Zur weiterführenden Wissenschaftsvermittlung schwingt sich Heiko Ernst nicht auf. Eriksons Ansatz ist gut abgehangen, er entstand in den Sechzigerjahren. Eine Erweiterung auf heutige Lebensbedingungen vermisst man – ebenso wie andere aktuelle Forschungsergebnisse. Der Zugang zur Materie erinnert an die berufliche Herkunft des Autors: Das Magazin Psychologie heute, als dessen Chefredakteur sich Ernst seit bald dreißig Jahren bewährt, glänzt eher durch allgemein verständlichen Stil als durch fachlichen Tiefgang.
Was bleibt nun am Ende des Weges, wenn wir Heiko Ernsts Beispielen folgen? Nachbarn und Nachfahren profitieren von einer nachhaltig geordneten und mit Erfahrung angereicherten Welt. Doch auch an eigenem Gewinn darf sich der generative Mensch freuen: Er wird, das ist des Autors letzter Schluss, nicht nur älter, sondern auch weiser.
Beiden Büchern gemeinsam ist der äußerst positive Zugang zur Frage: Was tun mit dem längeren Leben und der alternden Gesellschaft? Uwe-Karsten Heye liefert konkrete Vorschläge zur Weltverbesserung en gros und en detail. Deren Darstellung gerät subjektiv bis zur Peinlichkeit. Heiko Ernst gibt keine letztgültige Antwort, sondern sammelt Erklärungen und Beispiele aus Wissenschaft und Kultur, die vieles offen lassen. Gerade das macht sein Buch anregend.

Andreas Kremla in FALTER 11/2008



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